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Welcome| Kritik 9/10

Kinostart
04.02.2010



Handlung

Seit über drei Monaten ist der kurdische Teenager Bilal (Firat Ayverdi) schon auf der Flucht. Zu Fuß schaffte es der 17-jährige Kurde auf abenteurlichen Wegen vom Irak durch ganz Europa bis an den Ärmelkanal. Er hat sein Land verlassen, nachdem seine Freundin Mîna (Derya Ayverdi) kurz zuvor nach England emigriert ist, um sie wiederzusehen und um in England eine Fußballkarriere zu starten. Doch an der Nordküste Frankreichs nimmt seine Reise ein abruptes Ende. Hier geht es für ihn nicht weiter. Bilal und seine Freundin trennt nun, mitten in der kalten Jahreszeit, der von starkem Nordwestwind aufgewühlte Ärmelkanal.

Kurzentschlossen sucht der Junge das örtliche Hallenbad auf, um das Schwimmen zu trainieren. Hier lernt er den Bademeister Simon (Vincent Lindon) kennen, einen ehemaligen Topschwimmer, der jetzt vom Unterrichten lebt. Simon lebt gerade in Scheidung, liebt seine Frau Marion (Audrey Dana) aber immer noch und würde sie gerne zurückgewinnen. Er freundet sich mit Bilal an, der ihm schließlich von seinen Absichten berichtet: Heimlich unterrichtet er den jungen Kurden im Kraulen.


Filmkritik | Welcome

Wenn zu lesen ist, dass ein Film den Preis des Europäischen Parlaments erhalten hat und von Amnesty International empfohlen wird, könnte das bedeuten: politisch korrekt, sozial bewegt, aber stinklangweilig. Im Fall des französischen Films "Welcome" ist das durchaus nicht der Fall. Regisseur Philippe Lioret ("Die Frau des Leuchtturmwärters") ist das  Kunststück gelungen, eine politische Botschaft unprätentiös in die Welt zu schicken und dennoch ganz großes, emotionales Kino abzuliefern.

Nicht unerheblichen Anteil hat daran der herrlich verknarzte Hauptdarsteller Vincent Lindon, ein hierzulande weitgehend unbekannter französischer Schauspieler, der schon neben Damen wie Diane Kruger ("Anything for her") glänzen durfte und zu dem einer gewissen frei abrufbaren Online-Enzyklopädie nichts weiter einfällt, als dass er mal der Lover von Caroline von Monaco war. Als vom Leben gebeutelter und lethargisch vor sich hin lebender Schwimmlehrer Simon, der, zunehmend sturer werdend, den zivilen Ungehorsam für sich entdeckt, spielt Lindon hier die Rolle seines Lebens.

Wunderbar unverkrampft spielen die kurdischen Laiendarsteller, allen voran der junge Firat Ayverdi als Bilal, die beeindruckend authentisch mit den Profi-Schauspielern harmonieren. Ganz undenkbar allerdings wäre die wuchtige Wirkung dieses Films ohne die Mitwirkung der heimlichen Hauptdarstellerin: die See. Grau, rau und völlig unbeeindruckt vom  wahnwitzigen Treiben der Menschen, zeigt sich La Mer einmal so ganz anders als in den romantisierenden Chansons französischer Sänger. Wer jemals in Calais am Strand gestanden hat, weiß, hier ist es wirklich so unfassbar trostlos und unwirtlich, wie der Film beschreibt. Die meisten von uns nehmen die herbe Stadt an der französischen Kanalküste nur als Tor nach Großbritannien war. Dass sich hier menschliche Dramen abspielen, Flüchtlingselend und Polizeieinsätze den Alltag dirigieren, wird gerne verdrängt. Dieser Film zeigt mit dem Finger darauf und rührt an Wunden, ohne darin zu bohren. Pathetisch wird er dabei nie.

Kritiker werfen Loiret vor, er habe den politischen Skandal um die Behandlung von Flüchtlingen und Flüchtlingshelfern im ach so liberalen Frankreich benutzt, um eine sehr private Vater-Sohn-Geschichte publikumswirksam aufzubereiten. Insgesamt sei der Film zu rund, zu konventionell, zu harmoniesüchtig und mit einem Hang zum großen Drama. Das mag wohl sein, aber ein dröges Lehrstück mit dokumentarischen Zügen hätte weder das französische Massenpublikum noch die politische Öffentlichkeit erreicht. In seiner sehr persönlichen und emotional aufgeladenen Deutung hat der Film etwas fertig gebracht, was keine flammende Rede von Menschenrechtlern jemals erreicht hätte: Er trifft eine Nation an ihrer empfindlichsten Stelle und packt sie an der Menschenehre. Der Film wurde sogar in der französischen Nationalversammlung öffentlich aufgeführt. Jetzt wurde eine parlamentarische Eingabe auf den Weg gebracht, ein unsägliches Gesetz aus dem Jahr 1945, das jegliche Hilfe für illegale Einwanderer unter Strafe stellt mit drohendem Gefängnis von bis zu 5 Jahren, zu entschärfen. Wenn es durchkommt, soll das neue Gesetz den Namen "Welcome" tragen. Insofern hat Philippe Loiret alles richtig gemacht.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Welcome

© Arsenal Filmverleih

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Steckbrief
Regie
Philippe Lioret

Darsteller
Audrey Dana, Derya Ayverdi, Firat Ayverdi, Firat Celik, Olivier Rabourdin, Thierry Godard, Vincent Lindon, Yannick Renier

Genre
Drama

Tags
Flucht
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Herstellungsland
Frankreich




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