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We want sex| Kritik 8/10

Kinostart
13.01.2011



Handlung

Die englische Autostadt Dagenham, 1968. Als außergewöhnlich würde Rita O’Grady (Sally Hawkins) sich selbst kaum beschreiben. Sie hat genug damit zu tun, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. In der Ford-Fabrik ist sie eine von 187 Frauen, die unter einfachsten Bedingungen Autositze zusammennähen – ein anspruchsvoller Knochenjob, den sie klaglos und mit viel Humor erledigt. Als das Management jedoch beschließt, Rita und ihre Kolleginnen als ungelernte Arbeitskräfte einzustufen, ist Schluss mit lustig. Rita tritt gemeinsam mit Gewerkschaftsvertreter Albert (Bob Hoskins) den Chefs gegenüber und erweist sich dabei als überraschend clevere Verhandlungspartnerin. Zunächst belächelt und selbst vom eigenen Gatten (Daniel Mays) unterschätzt, mausert sie sich zu einer echten Powerfrau und führt die Näherinnen in den ersten Frauenstreik der britischen Geschichte. Was wie eine lokale Petitesse beginnt, entwickelt sich zu einer nationalen Angelegenheit, in die selbst Barbara Castle (Miranda Richardson), die „feurige Rote“ im britischen Kabinett, nur zu gerne eingreift.


Filmkritik | We want sex

Vorweg: Mit Sex hat dieser Komödienstreich aus England nur ganz am Rande was zu tun. Wer also schlüpfrigen Schlüsselloch-Klamauk aus der britischen Unterschicht erwartet, der wird enttäuscht sein. Auch, wenn die streikenden Damen gelegentlich im BH zu sehen sind. Der für den Verleih in nicht englischsprachigen Ländern ausgewählte Titel ist alberner als der Film und bezieht sich auf eine für die Handlung unbedeutende Anekdote am Rande des Geschehens. „Made in Degenham“ lautet der Filmtitel im Original schlicht: Die Vorstadt im Osten von London, wo die amerikanischen Fordwerke 70 Jahre lang ihren britischen Ableger betrieben, kennt in Großbritannien jedes Kind, bei uns hat sie noch nicht einmal einen Eintrag in der deutschen Wikipedia. Insofern ist ein international verständlicherer Titel schon in Ordnung, derart reißerisch hätte es nun doch nicht sein müssen. Denn das hat die kleine, aber feine Vorfrühlingsperle nicht verdient.

Um den Film zu bewerben, hätte ein Hinweis auf die ähnlich gestrickte Komödie „Kalender Girls“ mit Helen Mirren genügt, mit dem sich Regisseur Nigel Cole 2003 in die Herzen des internationalen Publikums schlich. Nach ein paar seichten und wenig beachteten Ausflügen nach Hollywood ist der Brite zu seinen Wurzeln zurück gekehrt und legt mit „We Want Sex“ das vor, was er am besten kann: Sozialkomödien made in England locker-flockig zu inszenieren und seine durchweg hochkarätigen Schauspieler dabei zu Höchstleistungen zu führen. Wer derlei Filme mag, der ist mit diesem Film bestens bedient. Angenehmer könnte man sich im Kino den trüben Januar-Blues kaum vertreiben. Es tut einfach gut, eine Filmlänge lang statt überspannte und technikverliebte Mätzchen zu genießen nichts weiter zu tun als gut geerdete Menschen aus Fleisch und Blut bei ihrem nachvollziehbaren Treiben zu begleiten. Dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit basiert und die toughen Ladys tatsächlich das britische Arbeitsrecht mit einem Gleichstellungsgesetz revolutionierten – umso besser.

Wie schaffen es die Briten bloß, aus derlei knochentrockenen Stoffen solche saftigen Komödien zu zaubern? Kaum eine Filmnation kriegt das so gut hin. Sicher hat es auch in Deutschland mehr oder minder erfolgreich streikende Arbeiterinnen gegeben. Man mag sich allerdings nicht ausmalen, welche Art von Film über ein solches Thema bei uns dabei heraus gekommen wäre: umständliches Filmemacher-Lehrkino im Stil der 1970er Jahre oder Jahrtausendwende-Klamauk a la Til Schweiger. Von beidem ist „We want Sex“ meilenweit entfernt.  Natürlich ist das Ganze keine naturalistische Wiedergabe der Zustände im britischen  Unterschichtmilieu. Da gibt es in der britischen Filmgeschichte tiefgründigere Beispiele wie „Trainspotting“. Und mit einem manieristischen Kunstwerk wie „Mein wunderbarer Waschsalon“ von Stephen Frears ist  „We want Sex“ – zum Glück? – ebenfalls nicht zu vergleichen.  Die filmtechnisch recht konventionell inszenierte Komödie um die wild zur Gleichberechtigung entschlossenen Näherinnen für Autositze ist einfach und geradlinig erzählt, punktet mit historisch genauen Sixties-Klamotten und lässt den entspannten Zuschauer in der Popmusik  jener legendären Ära schwelgen.

Dass die durchweg mit viel Saft gespielten Arbeiterinnen – ihre Männer übernehmen eigentlich nur Statistenrollen -  eher idealisierte Abziehbilder als nuancierte Charakterstudien sind, stört dabei eigentlich nur ein klitzekleines bisschen. Auszunehmen ist davon in jedem Fall Hauptdarstellerin Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky“) , die keine Filmsekunde lang in eine Klischee-Falle tappt und der Rolle der sich vom Mauerblümchen zur selbstbewussten Arbeiterin entwickelnden Rita anrührende Zwischentöne verleiht. Ihre toupierte Frisur im Stil der späten 1960er Jahre trägt sie mit Würde. Hawkins spielt so toll, dass man sie zwischendurch immer mal wieder in den Arm nehmen möchte. In nichts nach an Ausdrucksstärke steht ihr Miranda Richardson („Young Victoria“) als Arbeitsministerin Barbara Castle. Ein glückliches Wiedersehen gibt es mit Bob Hoskins („Doomsday - Tag der Rache“) als Frauenversteher und Gewerkschafter Albert, der nach längerer filmischer Durststrecke an alte komödiantische Glanzleistungen wie in  „Meerjungfrauen küssen besser“ erinnert.

Fazit: Ein Film, der nicht mehr zu sein vorgibt, als er ist und der sich auf die Urtugend des guten alten Kinos besinnt: Geschichten zu erzählen.


Filmkritik von mkrispien

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