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Vorsicht Sehnsucht| Kritik 7/10

Kinostart
22.04.2010



Handlung

Nach einem Schuhkauf wird Marguerite (Sabine Azéma) mitten in Paris die Handtasche entrissen. Ihre Brieftasche findet der Pensionär Georges (André Dussolier). Er beginnt sofort, sich für diese Frau um die 50 zu interessieren, die einen Pilotenschein hat und in einem Pariser Vorort lebt, wo sie mit einer Kollegin (Emmanuelle Devos) eine Zahnarztpraxis leitet. In seiner Phantasie versucht er sich vorzustellen, wie sie lebt, wer sie ist, und er überlegt, um sie kennen zu lernen, ihr die Brieftasche persönlich zu bringen. Schließlich gibt er sie aber doch nur bei der Polizei ab und hinterlässt dort seine Telefonnummer. Marguerite bedankt sich telefonisch, legt aber keinen Wert auf ein persönliches Treffen, was Georges nur um so mehr dazu bringt, sich in ihr Leben zu drängen. Der gutbürgerlich situierte Georges wirkt geradezu besessen von dieser unbekannten Frau, auch seine eigene Frau Suzanne (Anne Consigny) und seine erwachsenen Kinder beginnen sich zu wundern. Dann aber kommt es nach einem Kinobesuch doch noch zu einem Treffen von Georges und Marguerite und obwohl beide sehr lebenserfahrenen Menschen sind, geraten die Dinge völlig außer Kontrolle.


Filmkritik | Vorsicht Sehnsucht

Flugangst sollte man nicht haben, wenn man sich auf diesen Film einlässt. Weder im handfest realen, noch im übertragenen Sinn. Denn Regisseur Alain Resnais mutet uns nicht nur eine haarsträubende, grotesk-surreale Flugsequenz zu, Schlüsselmoment des Films zumal. Der Altmeister des französischen Autorenkinos nimmt uns mit auf eine fantastische Reise durch Kinozeit und -raum, bei der weder die Gesetze der Logik noch der Schwerkraft und der Zeit zu gelten scheinen (wobei die Betonung auf scheinen liegt). Eine rasante Flugsimulation durch die atmosphärischen Schichten der Fantasie. Aberwitzig und irre, albern und altersweise zugleich. Und keine Sekunde langweilig. Das Werk eines Fantasten und ewigen Kindes im Greisengewand. Alain Resnais wird demnächst erstaunliche 88. Im Kopf ist er jünger als so mancher Kollege.

Ärgerlich bei dieser französisch-italienischen Filmproduktion ist wieder einmal mehr der deutsche Verleihtitel: "Vorsicht Sehnsucht" ist so ziemlich das Dümmste, was sich die Eindeutschungspoeten in jüngster Zeit haben einfallen lassen. Im Original heißt das Werk "Les Herbes Folles", was mit "Verrücktes Gras" wohl am treffendsten zu übersetzen ist. Unter "Wild Grass" kam der Film in die englischsprachigen Kinos. Gemeint ist das anarchische, unberechenbar wild wachsende Gras, das sich überall Bahn bricht - aus dem Beton grauer Vorstädte ebenso wie im Kopf eines alternden Mannes an der Schwelle zum Lebensende. Vielleicht hat er auch ein bisschen gekifft, wer weiß. Dem hinterlistigen Greis auf dem Regiestuhl ist alles Mögliche zuzutrauen. Nur nicht die Abbildung von schnöder "Wirklichkeit" auf der Leinwand. Das surrealistisch gezeichnete Filmplakat dazu, das wie ein Kinder-Comic angelegt ist, deutet die Ambivalenz dieses wundersamen Films an. Nichts ist so wie es scheint und irgendwie doch ganz einfach.

Den Film in wenigen Worten zu skizzieren, fällt schwer. Zu sehr entzieht er sich eindeutigen Zuordnungen, spielt inhaltlich mit Zeitebenen und Perspektiven, Deutungen und Erwartungshaltungen, formal mit fulminanten Wechselbädern der Stile bei Dramaturgie, Schnitt und einem ungemein vitalen Score, der Eigenes, aber auch viel Jazz, Bebop und heftige Klaviermusik mixt. Resnais konnte sich, wie stets, wieder einmal auf ein erstklassiges Team diszipliniert-kreativer Mitarbeiter verlassen, die seine hochgesteckten Ambitionen geschmeidig umzusetzen wussten. Das Drehbuch, auf einem Roman von Christian Gailly basierend, hat er zwar nicht selber geschrieben, aber weitgehend beeinflusst. Was ein wenig nervt, ist der dauerquatschende Erzähler aus dem Off, der wie der Zirkusdirektor in diesem aberwitzigen Spiel um Stalking und Sterben, Wiedergeburt und Liebeswahn, Kopfkino und Fliegerei zu allem seinen Senf dazu geben muss. Der eigenwillig, nicht immer der Logik der Handlung (die es im Grunde sowieso nicht gibt) folgend, die verschiedenen Handlungsebenen mit all ihren verwirrenden Subtexten kommentiert, konterkariert und manchmal auch einfach so im Vorübergehen fallen lässt. Leider wirkt diese Stimme in der deutschen Synchronisation besonders nervig.

Alain Resnais, Dinosaurier der Nouvelle Vague und Meister des melancholischen Beziehungsdramas mit surreal-grotesken Zügen ("Das Leben ist ein Chanson", "Herzen"), ist neben seiner verspielten Lust am Experimentieren bekannt für hervorragende Schauspielerführung. Dies gelingt ihm auch hier wieder prächtig. Alain Dussolier ("Agents Secrets - Im Fadenkreuz des Todes", "Kein Sterbenswort", "Herzen") brilliert als alternder Casanova mit Geheimnissen ebenso wie Alain Renais´ Ehefrau und Muse Sabine Azéma als wild gewordene Piloten-Zahnärztin mit Pumuckl-Frisur ("Tanguy - Der Nesthocker", "Malen oder Lieben", "Herzen"). Man könnte noch soviel schreiben über diesen außergewöhnlichen Film, der Kopf ist so sehr voller Bilder, die nur schwer in Worte zu fassen sind. Am Ende ist hier ausnahmsweise einmal nicht Schluss, es fängt erst richtig an. Vielleicht in einem anderen Leben, auf jeden Fall im Kino.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Vorsicht Sehnsucht

© Schwarz Weiss Filmverleih

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Steckbrief
Regie
Alain Resnais

Darsteller
Alain Dussolier, André Dussolier, Anne Consigny, Annie Cordy, Edouard Baer, Emmanuelle Devos, Matthieu Amalric, Michel Vuillermoz, Sabine Azéma, Sara Forestier

Genre
Drama
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Frankreich, Italien

Alternativ- bzw. Originaltitel
Les herbes folles




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