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Versailles| Kritik 6/10

Kinostart
27.05.2010



Handlung

Majestätisch erhebt sich das Schloss von Versailles inmitten gepflegter Gärten. Doch die weltberühmte Barockanlage grenzt an dichte Wälder. Und in denen leben Menschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig hierhin zurückgezogen haben. So auch der noch junge Damien (Guillaume Dépardieu), der mitten im Wald in einer Einsiedlerhütte haust. Eines Tages taucht hier die obdachlose Nina mit ihrem fünfjährigen Sohn Enzo auf. Sie freundet sich mit Damien an, verbringt eine Nacht mit ihm, nur um am nächsten Morgen heimlich zu verschwinden und das Kind bei Damien zurückzulassen. Zwischen dem Mann und dem kleinen Jungen entwickelt sich eine spröde Zuneigung, in der beide Vertrauen und Geborgenheit finden. Doch die Wohnstätten der Aussteiger im Wald sind in der reichen Gemeinde von Versailles nicht gern gesehen und außerdem droht der Winter, den ein Kind hier draußen nicht überleben würde. Es ist klar: Damien und Enzo müssen ihre Hütte verlassen. Damien versucht eine Rückkehr ins bürgerliche Leben. Das Gleiche versucht auch Nina, denn sie hat ihr Kind nicht vergessen. Aber es wird für alle kein einfacher Weg!


Filmkritik | Versailles

Dieser Film ist irgendwie ein merkwürdiges Gebilde. Einerseits erinnert er mit der wackeligen Handkamera, dem Einsatz von natürlicher Beleuchtung an ebenso natürlichen Schauplätzen vor allem im ersten Teil entfernt an die stilistischen Vorgaben von Dogma-Filmen. Andererseits spielt die Kamera so technikverliebt mit ihren Möglichkeiten und ist die Nachbearbeitung am Computer derart deutlich sichtbar, dass der Film eher artifiziell als naturbelassen wirkt. Und was schon gar nicht Dogma ist: Immer wenn es brenzlig wird, schleicht sich von hinten ein Piano an und quengelt: „Drama, Baby!“ Das nervt. Es nerven – außer dem grandiosen Hauptdarstellter Guillaume Dépardieu („Stella“) – auch die Schauspieler, allesamt keine Hochkaräter, sondern Fernseh-Durchschnitt, was wohl auch am Budget gelegen haben mag: Pierre Schoeller ist als Filmregisseur Debütant, war zuvor als Drebuchautor, Dialogschreiber und Toningenieur tätig. Und es nervt der kleine Junge, der den 5jährigen Tramp wider Willen, Enzo, spielt: Max Baissette de Malglaive heißt der Knabe. Auf schmutzig und zerlumpt geschminkt und gestylt, reißt das blonde Kerlchen permanent pathetisch die braunen Augen auf und wirkt wie eine Mischung aus „The Kid“ von und mit Charlie Chaplin und einem untoten Kind aus einem Mystery-Thriller. Da hätte der Regisseur behutsam gegensteuern müssen. So wirkt der Kinderschauspieler wie vorgeführt.

Aber da ist ja noch Guillaume Dépardieu in einer seiner letzten Rollen als Einsiedler Damien. Der während der Dreharbeiten bereits todkranke Schauspieler legt in die Rolle des menschenscheuen, verbitterten Waldbewohners sein ganzes beschädigtes und trauriges, wüstes und einsames Leben hinein: Der  bei seinem Tod an den Folgen einer Bakterieninfektion erst 37jährige galt als begabtes enfant terrible der französischen Filmszene und kämpfte sein ganzes Erwachsenenleben lang gegen Drogen, Alkohol und den übermächtigen Schatten von Vater Gérard Depardieu („Mammuth“). Wie er sich allmählich aus der selbst verordneten seelischen Panzerung heraus arbeitet, sich dem auf ihn und seine Hilfe angewiesenen Jungen annähert und letztendlich über seinen Schatten springt aus Liebe und Verantwortung, ganz unsentimental, rau, kantig und zärtlich, verletzend und verletzlich zugleich– das ist ganz großes Kino und eine Sternstunde der  Schauspielkunst. Selbst sein von Lebensnarben gezeichnetes Gesicht und seinen versehrten Körper setzt der beinamputierte Schauspieler als Ausdrucksmittel ein. Und wirkt dabei in keiner Filmsekunde peinlich. Aus dem väterlichen Schatten war Guillaume Dépardieu mit dieser Rolle endgültig heraus getreten. Eine herausragende Leistung.

Der Film selber ist im Grunde kein Sozialdrama, sondern ein Art Grimmsches Sozialmärchen. Vom bösen und mächtigen König im Schloss und den armen Männlein im Walde. Es soll sie in den dichten Wäldern rund um Versailles, heißt es, tatsächlich geben. Geschenkt. Dass die eigentlich armen Teufel im Paris unserer Tage  in den Vorstadthöllen der Banlieus hausen, verschweigt der Film. Und es ist ihm auch egal. Damien und auch Enzos Mutter Nina (gelangweilt: Judith Chemla) sind im Grunde Outlaws auf Zeit, Obdachlose aus gutem Hause. Und das Ende ist dann beinahe wie bei Heinz Rühmann: „Wenn der Vater mit dem Sohne“...

In die deutschen Kinos kommt „Versailles“ im Originalton mit deutschen Untertiteln.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Versailles

© Kairos Filmverleih

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Steckbrief
Regie
Pierre Schöller

Darsteller
Aure Atika, Brigitte Sy, Guillaume Dépardieu, Judith Chemla, Matteo Giovanetti, Max Baissette de Malglaive, Patrick Descamps, Philippe Dupagne

Genre
Drama

Tags
Frankreich, Versailles
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Herstellungsland
Frankreich




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