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Privatunterricht| Kritik 6/10

Kinostart
21.01.2010



Handlung

Jonas (Jonas Bloquet), der in der Schule gnadenlos versagt, will sich auf eigene Faust auf ein besonders schweres Examen vorbereiten. Gerade das erste Mal mit einem Mädchen zusammen und frisch entjungfert, ist das für ihn eine nahezu unmögliche Aufgabe. Da kommen ihm die freimütigen Tipps von Pierre (Jonathan Zaccaï), Didier (Yannick Renier) und Nathalie (Claire Bodson), alle gut doppelt so alt wie er, ganz gelegen, die –abseits von Algebra, Camus, Stickstoffverbindungen - auch mal in direktem Anschauungsunterricht münden. Doch was aus der Sicht des unerfahrenen Jungen großzügig und einvernehmlich anmutet, entpuppt sich allmählich als ein gezieltes Aufweichen seiner noch nicht gefestigten Grenzen.


Filmkritik | Privatunterricht

"Ist Delphine mehr der vaginale oder der klitoriale Typ?" fragt  Pierre mit aufmunterndem Lächeln und sanfter Stimme  den 16jährigen Jonas, nachdem dieser zum ersten Mal mit seiner gleichaltrigen Freundin Delphine (Pauline Etienne) geschlafen hat. Die Freunde Nathalie und Didier, allesamt nicht mehr ganz taufrische Mit- bis Enddreißiger, gackern albern, süffeln Rotwein, futtern Weißbrot und plaudern dabei angeregt über Albert Camus, ödipale Mutter-Sohn-Beziehungen und die Schwierigkeiten beim Orgasmus. Der blondgelockte Jonas sitzt ungelenk im T-Shirt und verlegen grinsend dazwischen, fasziniert und verstört zugleich.

Es ist die Geschichte eines Missbrauchs als Gesellschaftsspiel. Nathalie und Didier wollen ihre fade gewordene Beziehung aufpeppen und Kumpel Pierre tatkräftig dabei unterstützen, einen orientierungslosen Teenager zur privaten Marionette zu manipulieren. Kopfsex, der irgendwann aus dem Ruder läuft. "Am Anfang sind wir alle bisexuell, irgendwann müssen wir uns entscheiden", erklärt Pierre im Plauderton dem staunenden Jungmann. "Elève libre", der freie Schüler, lautet der Originaltitel hintersinnig. Im Kern geht es darum, dass Pierre, obwohl er Gegenteiliges behauptet, alles dafür tut, dass Jonas diese Entscheidungsfreiheit irgendwann nicht mehr zu haben scheint. So vage muss die Formulierung bleiben. Ein eindeutiges Fazit gestattet Regiseur Joachim Lafosse weder sich noch den Zuschauern.

Das Verstörende an dem Film ist die Banalität des Bösen: Nathalie und Didier sind keine überspannten Bohemiens, die auf Sado-Maso-Partys gehen, sondern ein bisschen langweilig aussehende Durchschnittstypen mit  bürgerlichen Lebensgewohnheiten. Pierre ist kein sardonischer Exzentriker, der die Peitsche schwingt, sondern ein dicklicher Spießer im hellblauen Angestellten-Hemd mit kleinbürgerlich eingerichteter Wohnung, in der erotische  Kunst auf  weißen Küchenkacheln prangt. Und der junge Jonas (sehr überzeugend und berührend: Jonas Bloquet) ist kein engelsgleiches Lustgeschöpf wie etwa Tadzio aus Viscontis "Tod in Venedig", sondern ein etwas hölzern und eckig wirkender belgischer Junge mit Lernproblemen und einem einzigen bescheidenen Talent: dem Tennisspiel. Nach außen hin besteht das seltsame Quartett aus  "normalen" Menschen, wie wir ihnen täglich in der U-Bahn begegnen.

Aus diesem durchaus spannenden Ansatz hätte der Regisseur ein beklemmendes Coming-of-age-Movie machen können, wenn er der Geschichte mehr vertraut und sie nicht derart artifiziell, form- und dialogverliebt in Szene gesetzt hätte. Vor allem das Dauergequatsche des großspurigen Pierre im ersten Teil nervt. Erst wenn die Gardinen zugezogen werden, die  Außenwelt ausgeblendet wird und die Kamera zu plüschiger Lampenbeleuchtung Szenen von klaustrophobischer Intensität einfängt, entwickelt der Film einen beklemmenden Sog, dem nur schwer zu entkommen ist. Am Ende ist man überrascht, dass dieser ungewöhnliche Film tatsächlich keinen eigenen Soundtrack hat und fast gänzlich ohne Musik auskommt.


Filmkritik von mkrispien

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Steckbrief
Regie
Joachim Lafosse

Darsteller
Anne Coesens, Claire Bodson, Joachim Lafosse, Johan Leysen, Jonas Bloquet, Jonathan Zaccaï, Pauline Etienne, Yannick Renier

Genre
Drama

Tags
Liebe
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Belgien, Frankreich

Alternativ- bzw. Originaltitel
Élève libre




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