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Nowhere Boy| Kritik 5/10

Kinostart
08.12.2010



Handlung

Liverpool in den Fünfzigern: John Lennon (Aaron Johnson), 15 Jahre alt und von der Schule genervt, fällt zu Hause bei seiner strengen Tante Mimi (Kristin Scott Thomas) die Decke auf den Kopf. Eines Tages trifft John jedoch seine Mutter Julia (Anne-Marie Duff) wieder, die den Fünfjährigen damals überstürzt verlassen hatte. Die lebenslustige, musikbegeisterte Frau führt John in die aufregende neue Welt des Rock ‟n„ Roll ein und bringt ihm das Banjospielen bei – nicht ahnend, dass sie damit den Grundstein für Lennons späteren Lebensweg legt. John gründet eine Band und lernt über Freunde den talentierten Gitarristen Paul McCartney (Thomas Sangster) kennen. Doch der Spagat zwischen seinen musikalischen Ambitionen und den zwei starken Frauen in seinem Leben wird für Lennon zur Zerreißprobe.


Filmkritik | Nowhere Boy

Was prädestiniert im Vereinigten Königreich jemanden dazu, einen staatlich geförderten Film über die Flegeljahre einer nationalen Musik-Ikone zu drehen? Können? Reputation? Routine? Filmpreise vielleicht? Fehlanzeige. Im Land der Exzentriker reicht es offenbar völlig aus, in jüngeren Jahren einmal auf einem künstlerischen Foto als Heilige Yoko Ono mit einem Kollegen als nacktem John Lennon in Embryonalstellung posiert zu haben. Dass das Foto von Fotografie-Star Annie Leibovitz gemacht und seinerzeit für einen kleinen Skandal sorgte – um so besser. Und so kam es, dass die Fotografin und Künstlerin Sam Taylor-Wood ohne jegliche Erfahrung als Filmregisseurin ein hochoffizielles Biopic über die Jugendjahre des Ober-Beatles John Lennon drehen durfte. Yoko Ono, heißt es, gab ihren Segen. Ein Schelm, wer da an gewisse Vitaminpräparate denkt. So what.

Herausgekommen ist bei dem Film, der mit Geldern der staatlichen britischen Lotterie gesponsert wurde, ein handwerklich überraschend solider Film ohne Mätzchen im Fernsehformat. Ein Film ohne jede persönliche Handschrift, ohne Charisma und ohne filmische Glanzlichter, wie ihn jeder x-beliebige TV-Regisseur hätte abliefern können. Viel falsch gemacht hat die Debütantin nicht, was auch am sie unterstützenden Filmstab gelegen haben mag, allen voran dem erfahrenen Kameramann Seamus McGarvey („World Trade Center“), der seine Karriere mit Musikvideos begann. Das Ergebnis ist durchschnittliche Biopic-Hausmannskost für den Schnellverzehr. Im Puschenkino akzeptabel für einen gemütlichen Fernsehabend, auf der großen Leinwand etwas verloren und kleinformatig. Aufregend ist was anderes.

Biopics über berühmte Musiker sind immer ein Risiko. Vor allem, wenn die Erinnerung an sie, ihre Musik und ihre Persönlichkeit noch relativ frisch und lebendig ist. Hauptproblem: Wer sollte die Giganten der Musik auf der Leinwand spielen und ihre Musik zum Besten geben, ohne sich bis auf die Knochen zu blamieren? Aus gutem Grund gibt es bis dato trotz mehr als filmtauglicher Biografien kein Biopic über Legenden wie Jimi Hendrix oder Elvis Presley. Bei Janis Joplin funktionierte es in „The Rose“, weil die Filmhandlung komplett fiktionalisiert, eine Ähnlichkeit mit dem realen Vorbild gar nicht erst angestrebt wurde und Hauptdarstellerin Bette Midler zudem gesanglich und darstellerisch ihre ganz eigene Duftmarke setzte. Bei Biopics über Tina Turner („Tina – „What´s Love got to do with it?”) und Johnny Cash („Walk the Line“) ging es gründlich in die Hose. Daher war es eine weise Entscheidung, sich auf die Jugendjahre Lennons zu beschränken und keine falschen Beatles-Töne aus Mund und Gitarre eines Schauspielers erklingen zu lassen. Ein Beatles-Film ist der Streifen zum Glück nicht. Was vielleicht auch an Rechten liegen mag und daran, dass die noch lebenden Herren McCartney (der das Vorwort zur Filmvorlage, den Erinnerungen von Lennons Halbschwester Julia, verfasste) und Starr auch ein Wörtchen mit zu reden hatten. Immerhin geht es im Film, zwar nur am Rande, auch um sie.

Leider konnten die Macher auch in diesem Fall nicht der törichten Versuchung widerstehen, einen vermeintlich die Biografie des Porträtierten besonders treffend umschreibenden Hit-Titel des Musikers als Filmtitel zu wählen. In diesem Fall musste der Beatles-Song „Nowhere Man“ herhalten, der dank britischem Sinn für Humor als verjüngter „Nowhere Boy“ wieder kehrt. „Mother“ oder „Lady Madonna“ wären passender gewesen. Denn in seinem Kern ist dieser Film weniger ein Film über den jungen Lennon als über die beiden „starken Frauen“ seiner Jugend: die chaotische, aber liebenswerte Mutter Julia und die raue, aber treusorgende Tante Mimi. Wie sie um den jungen zornigen Mann aus gehobenem White-Trash-Milieu in Liverpool zerren und zanken, nimmt einen großen Teil der chronologisch erzählten Filmhandlung ein. Die für die Interpretation tougher Charaktere immer bewährte Kristin Scott Thomas („Easy Virtue“) als Tante Mimi und ihre Kollegin Anne-Marie Duff („Ein russischer Sommer“) machen ihre Sache als Schwestern im Psycho-Clinch sehr gut – ein wenig wirken sie wie Kriemhild und Brünhilde, die im proletarischen Liverpool der 1950-er Jahre um ihren Jung-Siegfried-John  mit Schmalztolle und jede Menge Ego, Musik und Wut im Blut kämpfen. Dessen Darsteller Aaron Johnson („Kick-Ass“) bleibt trotz trotzigem Rebellen-Blick enttäuschend blass. So ist es dann letztendlich ein Frauenfilm in historischen Kulissen und keine Rock-n-Roll-Saga geworden. Ob Yoko daran nicht ganz unschuldig ist? 


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Nowhere Boy

© Central Film Verleih

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Steckbrief
Regie
Sam Taylor-Wood

Darsteller
Aaron Johnson, Angela Walsh, Anne-Marie Duff, David Threlfall, James Johnson, Josh Bolt, Kerrie Hayes, Kristin Scott Thomas, Ophelia Lovibond, Paul Ritter, Richard Syms, Sam Bell, Thomas Sangster

Genre
Biografie, Drama

Tags
Musik
Gastkritiken
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Herstellungsland
Großbritannein, Kanada




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