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Micmacs - Uns gehört Paris!| Kritik 6/10

Kinostart
22.07.2010



Handlung

Eines Abends tritt Videothekar Bazil (Dany Boon) vor die Tür – nur um eine verirrte Pistolenkugel in den Kopf geschossen zu bekommen. Aus dem Krankenhaus entlassen, steht er ohne Job und Geld auf der Straße. Doch das Glück lässt den ehemaligen Häftling Placard (Jean-Pierre Marielle) seinen Weg kreuzen. Placard lebt mit einer Gruppe wunderlicher Außenseiter auf einer Müllhalde. Dort findet auch Bazil ein neues Obdach und verwandelt den Müllberg kurzerhand in ein wohliges Zuhause voller magischer Skulpturen aus Fundstücken und Schrottteilen. Doch damit nicht genug: Es gibt eine Gelegenheit, es den Gangstern, die ihm eine Kugel verpasst haben, heimzuzahlen. Ein aberwitziger Kampf gegen die Waffenlobby beginnt und Bazil findet ganz nebenbei auch noch die große Liebe.


Filmkritik | Micmacs - Uns gehört Paris!

Vorweg: Wer den Film „Die fabelhafte Welt der Amélie“ und seine zwischen surrealen Traumsequenzen und Weihnachtsmärchen-Retro-Kitsch schwankende Bildästhetik samt des versponnen-weltfremden Plots nicht mochte, der wird auch mit diesem Film von Jean-Pierre Jeunet („Mathilde -  Eine große Liebe“) nicht warm werden. Wer albernem Klamauk in einem leer geräumten Fantasy-Paris etwas abgewinnen kann und einer Riege gut gelaunter französischer Fernseh- und Filmkomiker beim gemeinsamen Unfug machen zuschauen will, der ist in diesem Film goldrichtig. Womit wir auch gleich beimThema bzw. beim Originaltitel dieser bizarren Komödie sind: der lautet übersetzt schlicht und durchaus passend „Unfug am laufenden Band“ und nicht pathetisch und durchaus unpassend „Uns gehört Paris“.

Gehören tut den skurillen Außenseitern, die diesen Film bevölkern, nämlich gar nichts außer einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein in gehandikapten, alles andere als dem gängigen Schönheitsideal entsprechenden und mit äußerst eigenwilligen Seelen ausgestatteten Körpern. Mehrere kleinwüchsige Personen sind ebenso dabei wie eine Autistin, pfiffige, wenn auch aufs Abstellgleis geschobene Greise, einzelgängerische Tüftler und Bastler, (Lebens)-Künstler und Artisten. Mutter der Kompanie ist eine dicke belgische Köchin mit dem Charme  einer Nudelholzschwingerin aus einem Cartoon (mehr Volkstheater als großes Kino: Yolande Moreau, die wir schon in weit spannenderen Rollen erleben durften (“Louise hires a Contract Killer“).  Ein wenig wirken sie wie die Freaks aus dem gleichnamigen, über 70 Jahre alten Kult-Horrorfilm von Tod Browning. Nur dass diese weitaus weniger Spaß verstanden als die gutmütigen Kollegen anno 2010, die den „Helden“ (etwas verloren in diesem überdrehten Haufen: Starkomiker Dany Boon („Willkommen bei den Sch`tis“)  liebevoll in ihre Mitte ziehen und zu einem der Ihren erziehen. Parole: Nur gemeinsam sind wir stark und zwingen sogar den mächtigen Waffenhändler (bemüht, sich nicht vom Albernheitsfieber anstecken zu lassen: Charakterschauspieler Alain Dussolier (“Vorsicht Sehnsucht“) mit dem Mut und dem Witz einer von drolligem Corpsgeist durchdrungenen Zwergenarmee in die Knie. Der verschmitzte David erteilt dem starken, aber tumben Goliath eine Lektion. Das verstanden ja schon der kleine Tramp alias Charlie Chaplin und seine Kollegen aus der Stummfilmzeit bekanntermaßen prächtig, und in den besten Momenten  erinnern besonders gelungene Slapstickeinlagen an Filme aus dieser Ära. In den weniger gelungenen Momenten kommt das leider so hysterisch, augenrollend und plakativ herüber, dass sich eher unangenehme Erinnerungen an „Kevin allein zu Haus“ als auch an „The Kid“ einstellen. Zumal besonders die Nebendarsteller-Komiker (Dany Boon als Bazil bleibt angenehm zurückhaltend) ihrem Affen derart exaltiert Zucker geben und sich vor die Kamera drängeln, dass es stellenweise peinlich wirkt. Offenbar bekam der Regisseur die Bande nicht in den Griff. Und ein kleinwüchsiger Mann als „lebende Kanonenkugel“ und eine ebenso kleinwüchsige Frau, die sich in einen Kühlschrank schlängeln kann, sind auch nicht wirklich witzig.

Was den Film so chaotisch macht ist, dass er zuviel auf einmal sein will: Hommage an das Kino (Bazil schaut sich mit Hingabe alte Filme mit Humphrey Bogart an) und an das klassische Cartoon (Bazil schaut im Fernsehen alte Fred Feuerstein-Comics), Kleine Leute-Komödie, Fantasy- oder Märchenfilm (Der Regisseur nennt den Kleinen Däumling von Hans Christian Andersen sein Lieblingsmärchen) oder Selbstveralberung (Mehrfach laufen die Figuren an einem Micmacs-Filmplakat vorbei).  Ein bisschen skandinavisches Außenseiter-Kino (Die Hauptfigur erinnert optisch an den berühmten norwegischen Kollegen „Elling“) schwingt auch mit, dazu eine Prise in französischem Rotwein weich gespülter Tim Burton („Alice im Wunderland“). Das Ganze wurde ausstaffiert und gefilmt in der altbekannten, mit Patina überzogenen Amélie-Manier. Irgendwie scheint der Regisseur seinem selbst geschaffenen Film-Kosmos nicht mehr so recht zu vertrauen. Die fabelhafte Welt des Jean–Pierre Jeunet, sie hat einen Sprung bekommen.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Micmacs - Uns gehört Paris!

© Kinowelt Filmverleih

Kommentare


Michelle
28.03.2012, 21:04:41
Der Film ist richtig gut, kann ich nur weiterempfehlen.


Michelle Magister

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Steckbrief
Regie
Jean-Pierre Jeunet

Darsteller
Alain Dussolier, André Dussolier, Dany Boon, Dominique Pinon, Jean-Pierre Marielle, Julie Ferrier, Marie-Julie Baup, Michel Crémadès, Nicolas Marié, Omar Sy, Yolande Moreau

Genre
Komödie
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Frankreich

Alternativ- bzw. Originaltitel
Micmacs À Tire-Larigot




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