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Men on the Bridge| Kritik 7/10

Kinostart
22.07.2010



Handlung

Mit gestyltem Haar, Ohrring und den Bündeln mit Rosen in seinen Händen hat Fikret (17) ein bisschen was von einem Don Juan. Im Dauerstau auf der Bosporusbrücke, die Istanbuls europäischen mit dem asiatischen Teil verbindet, bietet er den wartenden Autofahrern die Blumen zum Verkauf an. Gleichzeitig bemüht er sich im alten Zentrum der Stadt um einen richtigen Job. Umut (28) fährt Sammeltaxi und passiert die Bosporusbrücke tagtäglich. Neben seinem Job ist er auf der Suche nach einer besseren Wohnung, doch den Ansprüchen seiner Frau kann er mit seinem Einkommen nicht gerecht werden. Auch der Verkehrspolizist Murat (24) ist auf der Bosporusbrücke stationiert. Zwischen den langen, anonymen Autoschlangen fühlt er sich einsam. Nach Feierabend geht er online und sucht in Chatrooms nach der großen Liebe. Ohne voneinander zu wissen, laufen auf der Bosporusbrücke die Träume und Hoffnungen von Fikret, Umut und Murat mit den Sehnsüchten von Millionen anderer Istanbuler zusammen.


Filmkritik | Men on the Bridge

Semi-dokumentarische Spielfilme, bei denen die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt, sind derzeit im ambitionierten Arthouse Cinema in Mode. Der österreichisch-italienische Film „La Pivellina“  oder der israelische „Ajami“  sind gelungene Beispiele dafür. Auch die türkische Filmemacherin Asli Özge versucht sich in ihrem ersten Kinofilm „Men on the Bridge“ in diesem Genre. Die deutsch-türkisch-niederländische Co-Produktion, gefördert mit öffentlichen türkischen und deutschen Mitteln, ist rundum gelungen. Eine kleine, präzise Studie ohne jeden Firlefanz. Und wenn der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin („Soul Kitchen“) „Men on the Bridge‘“ einen Diamanten des türkischen Films nennt, dann mag man ihm zustimmen. Zu recht gab es Preise auf Filmfestivals, was dem Film bald eine Tournee rund um die Welt bescherte. Jetzt kommt er in die deutschen Programmkinos.

Die Brücke als Symbol für Trennendes und Verbindendes, Aufbrauch und Stillstand zugleich war schon immer von großer Symbolkraft im internationalen Kino. Besonders Kriegs- und Liebesfilme nahmen sie gerne in den Fokus. Die Bosperus-Brücke ist sicher die spannendste in Europa, denn sie stellt die einzige direkte Verbindung unseres Kontinents mit Asien dar. Ständig ist sie verstopft, der Verkehr höllisch; Stillstand und Bewegung in Reinform. Darüber wollte Özge, die in Istanbul geboren wurde und seit der Jahrtausendwende in Berlin lebt, einen Dokumentarfilm drehen. Nach und nach kam sie jedoch in persönlichen Kontakt zu drei jungen Männern, die auf der Bosporus-Brücke den dort vorherrschenden Berufen nachgehen: Polizist, Taxifahrer und illegaler Rosenverkäufer. Özge erfuhr Details aus ihrem alles andere als spannenden, ja banalen Leben, dem Leben der unteren Mittelschicht und Unterschicht in der Metropole Istanbul. Kennen lernen werden sie sich – zumindest im Film – nicht, ihre Leben verlaufen parallel und unvernetzt, schicksalhafte Begegnungen mit dramatischen Zuspitzungen bleiben aus. Der Blick auf ihr Tun bleibt stets nüchtern, frei von Pathos und doch nicht teilnahmslos. Punktgenau eingeschnittene dokumentarische Szenen von Militärparaden, türkisch-nationalistischen Aufmärschen und einem Feuerwerk aus Anlass des Nationalfeiertages zeigen nicht nur, wie gut Özge ihr Handwerk beherrscht, sondern stehen auch für Kritik an der wachsenden Nationalisierung der Türkei; gefördert, prämiert und gezeigt wurde der Film dennoch am Bosperus – ein kleiner Sieg der Demokratie in diesem in sich zwiegespaltenen Land.

Bemerkenswert auch, dass zwei der drei Männer sich und ihr Leben selber spielen, nur  Polizist Murat wird im Film von seinem Bruder vertreten, die Rollen seiner Kollegen übernahmen Profi-Schauspieler: In der Türkei dürfen die Gesichter von Polizeibeamten nicht öffentlich gezeigt werden. Die kapriziöse und emanzipierte Ehefrau von Taxifahrer Umut ist ebenso authentisch wie der 17jährige Rosenverkäufer  Fikret und seine Kumpel im Armenghetto von Istanbul. Dass sie vor der Kamera nicht improvisieren und keine eigenen Texte sprechen, ist zu merken: Die Regisseurin hat nach eigenen Angaben die Dialoge passend zu den Geschichten der Männer geschrieben. Die sind geprägt von Trostlosigkeit und Armut, gescheiterten Träumen, Kampf ums Überleben oder wie im Fall von Polizist Murat, dem einzigen Zugereisten, von Einsamkeit: Letztendlich kapitulieren alle vor dem Schicksal und scheitern in ihrem Streben nach individuellem Glück. Inwieweit diese Selbstaufgabe von Unter- und unterer Mittelschicht in einer zerfallenden Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird, eine Gefahr für die Demokratie in ihrem Heimatland bedeutet, diese Frage lässt die türkische Regisseurin im Raum stehen. Wer einmal einen anderen, von Vorurteilen nicht belasteten Blick auf Istanbul, Kulturhauptstadt Europas 2010, werfen möchte, dem sei dieser zwar ungewöhnliche, aber alles andere als spröde und keine Sekunde langweilige Film empfohlen. Asli Özge ist für das europäische Kino ein vielversprechender Gewinn.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Men on the Bridge

© farbfilm verleih GmbH

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Steckbrief
Regie
Asli Özge

Darsteller
Cemile Ilker, Fikret Portakal, Murat Tokgöz, Umut Ilker

Genre
Drama
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Deutschland, Türkei

Alternativ- bzw. Originaltitel
Köprüdekiler




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