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Männer al dente| Kritik 8/10

Kinostart
15.07.2010



Handlung

Tommasos Familie genießt Ansehen in Lecce. Die Cantones sind Eigentümer einer Pasta-Fabrik, in der sein großer Bruder Antonio schon lange arbeitet. Nun ist er an der Reihe. Er hat sein Studium in Rom beendet und soll in den Familienbetrieb einsteigen. Und genau das will er vermeiden. Vor versammelter Mannschaft will er gestehen, dass er nicht der ist, für den sie ihn halten. Und dem Vater - durch das öffentliche Bekenntnis blamiert bis auf die Knochen - bleibt keine Wahl. Er muss Tommaso des Hauses verweisen - und der kann dann zurück in sein Leben nach Rom. Ein genialer und sicherer Plan. Aber dann kommt alles anders, als gedacht. Bei dem ersehnt gefürchteten Familienessen kommt ihm sein Bruder mit dem eigenen Geheimnis zuvor und wird an seiner Stelle davon gejagt. Zu allem Unglück erleidet der geschockte Vater einen Herzinfarkt und Tommaso sitzt fest: als Papas Liebling und neuer Firmenchef. Die Farce beginnt und man(n) muss da durch.


Filmkritik | Männer al dente

Seeminen sind Sprengladungen, die im Wasser gegen Schiffe und U-Boote eingesetzt werden. Der Oberbegriff für das im Minenkrieg verwandte Material ist "Sperrwaffen".  Eine Treibmine ist eine unverankerte Seemine, welche mit Kontaktzündern ausgestattet ist. So beschreibt die Wikipedia jene Geräte, die diesem italienischen Film im Original ihren Namen gaben: "Mine Vaganti" – Treibminen. Die gehen in dieser hochexplosiven Familienkomödie mit schöner Regelmäßigkeit hoch; mit "Männer al dente" hat das alles wenig zu tun (auch wenn die schlüpfrige Fantasie deutscher Verleihtitelpoeten an heißen Nudeln kleben geblieben sein mag und die Familie, um die sich alles dreht, ein Pasta-Clan ist). Wen ein derart törichter Titel (wohl der schlimmste Fehltritt dieses Kinosommers) in Verbindung mit dem Klischee-Stichwort "Italien" abschrecken sollte, dem sei gesagt: Der Film ist spaghettiweit davon entfernt, ein alberner Klamauk wie "Marcello Marcello" oder "When in Rome - Fünf Männer sind vier zu viel" zu sein. Er ist herzerfrischend schräg, ein bisschen frech, manchmal grotesk überzogen und dann wieder sentimental und fast weise. Dass er dennoch streckenweise arg überdreht wirkt, liegt auch an der für deutsche Ohren nervigen italienischen Schlagermusik und an der – wie leider so oft – allzu hektischen teutonischen Holzhammer-Synchronisation. Wer sich von all dem nicht abschrecken lässt, der Geschichte und den Bildern vertraut, der wird belohnt mit einer der schönsten Komödien dieses Sommers.

Natürlich arrangiert der Film, tief eintauchend in die sonnensatten Farben und Formen Süditaliens, lustvoll Klischees zu einem Stillleben italienischer Familiensoziologie aus dem Geiste der Pasta, der Liebe und der Tradition. Der Familienpatriarch (wie ein Westentaschen-Berlusconi auf Ectasy: Fernsehschauspieler Ennio Fantastichini) ist nicht nur Schwulenhasser, sondern auch notorischer Fremdgeher; die Mamma ist nett, aber spießig und immer irgendwie hinter dem Mond; die stets aufgebretzelte Tante sieht aus wie aus  einer Ramazotti-Werbung, vernascht heimlich Männer und Cinzano getarnt als Hustensaft; die Schwester ist ein verhuschter Trampel und hat sowieso nichts zu melden im Macho-Männerhaushalt (eine Haltung, an der interessanterweise auch die schwulen Brüder zunächst festhalten); und die Nonna, die Oma, schwebt – wie könnte es anders sein in Italien – über allem und liest den Nachgeborenen gründlich die Leviten.

Dabei verlassen die Figuren den Familienkosmos so gut wie nie, er wird Quelle der Geborgenheit und Hort der lebenslangen Gefangenschaft zugleich. Wunderbar bringt das der Film rüber, wenn die Kamera nahezu verliebt und gleichzeitig wie manisch in Endlosschleifen um die reich gedeckte Familientafel kreist: Ein Ort, an dem nicht nur gegessen und reichlich getrunken wird, sondern wo auch Tribunale abgehalten, Geständnisse abgelegt und dem Tod ins Auge geblickt wird. Nur wem es gelingt, aus dieser Tafelrunde aufzubrechen und sein eigenes Ding durchzuziehen, ohne dabei die Familie zu verraten – der wird glücklich, so die schlichte, aber entwaffnende Botschaft. Wem das letztendlich am besten gelingt – das sind erstaunlicherweise in erster Linie nicht die schwulen Männer, sondern die Frauen, die eigentlichen "Treibminen" in diesem wundersam hintersinnigen Film; und ganz besonders jene, von denen es der Zuschauer lange nicht erwartet. Ganz so einfach klappt das nicht, und am Ende nur mit den Mitteln des Märchens und der Farce und einer weit in die Vergangenheit reichenden symbolhaften Rahmenhandlung, die vieles erklärt und manches verzeihen hilft in diesem italienischen Familienkosmos.

Was besonders freut: die - zumindest für deutsche Sehweisen - unverbrauchten Schauspielergesichter, allen voran die aparte Nicole Grimaudo ("Baarìa") als "bad girl in town" Alba und die sehr fein aufspielende Ilaria Ochini ("Black Sea – Mar nero") als so gar nicht vergreiste Nonna; die Schönheit der apulischen Stadt Lecce und die Tatsache, dass sich schwule Männer – platonisch – in Frauen verlieben können. Nur die aus Rom in die Provinz einfallende schwulere als schwule Boygroup, eigentlich eher eine Art Wasserballett, spielt ein bisschen zu sehr auf der Klaviatur der Klischees. Immerhin so gekonnt, dass es dann doch Spaß macht.


Filmkritik von mkrispien

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Männer al dente

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Steckbrief
Regie
Ferzan Ozpetek

Darsteller
Alessandro Preziosi, Carmine Recano, Daniele Pecci, Elena Sofia Ricci, Ennio Fantastichini, Gianluca De Marchi, Ilaria Occhini, Lunetta Savino, Mauro Bonaffini, Nicole Grimaudo, Riccardo Scamarcio

Genre
Drama, Komödie

Tags
Homosexualität
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Italien

Alternativ- bzw. Originaltitel
Mine Vaganti




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