Handlung

Wir sehen die Reise durch Christines Augen, durch die Bewegungsunfähigkeit ihres eingeschränktes Blickfeld ist unser Fenster zur Welt, durch das wir ihre Sehnsucht nach menschlicher Gemeinschaft und Nähe erleben. Ihr durch die Krankheit verändertes Leben hat sie in eine unfreiwillige Isolation gezwungen, die sie überwinden möchte. Sie sehnt sich danach, wieder dazu zu gehören, alles tun zu können, was die anderen so problemlos können, normal zu sein. In Maria, einer jungen Malteserin und Christines Betreuerin, findet sie das Bild ihrer Vergangenheit und eine neue Hoffnung erwacht in ihr; Maria begleitet Christine in die Bäder und zu den Prozessionen. Aber Marias Jugend sehnt sich nach ihresgleichen, manchmal versucht sie dem Anblick der Krankheit zu entkommen, sich zu amüsieren und Christine beobachtet diese Welt der Anderen sehnsuchtsvoll, während sich nun Frau Hartl ihrer annimmt. Frau Hartl ist eine ältere Pilgerin, die zwar kein körperliches Gebrechen hierher bringt, aber von ihrer lebenslangen Einsamkeit gequält ist, die sie hier lindern möchte. Ihre wortlose Leere wartet darauf gefüllt zu werden, durch eine Aufgabe, durch einen Sinn, den sie nun darin findet, für Christine zu beten - und ihr Gebet wird erhört. Während die Möglichkeit eines Rückfalls drohend über Christine schwebt, genießt sie das Glück, das sich für diesen Moment erfüllt hat und versucht es fest zu halten.
Filmkritik | Lourdes

Es gibt in der katholischen Christenheit neben dem Jakobsweg wohl keine zweite Pilgerfahrt, die kommerziell so gnadenlos ausgeschlachtet wird wie die Wallfahrt nach Lourdes. Der fromme Tourismus um die Grotte im französischen Pyrenäenort, wo im 19. Jahrhundert das Bauernmädchen Bernadette eine angebliche Marienerscheinung hatte, ist perfekt durchorganisiert bis in den den letzten Tropfen heiligen Wassers. Täglich suchen hier Mühselige und Beladene mit und ohne Rollstuhl Heilung von ihren Gebrechen und warten auf ein Wunder. Manchmal geschieht sogar eines. Der Ort und die Kirche leben davon. Außenstehende reagieren ratlos bis amüsiert oder gar abgestoßen. Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner ("Hotel") hat einen bemerkenswerten kleinen Film dazu gemacht. Ein kleines Wunder an stilistischer Brillianz und inhaltlicher Redlichkeit. Vorgeführt wird hier niemand: weder die Wundergläubigen noch das Wunder an sich. Gott schon gar nicht, auch wenn der Film sich nicht religiös gibt. Allenfalls das alles andere als himmlische Bodenpersonal kommt schlecht weg. Womit "Lourdes" ein ungemein aktueller Film ist.
Der filmische Kniff, der der Regisseurin ausgezeichnet gelingt, ist die Verschränkung eines sehr persönlichen, streng aus der Perspektive der Protagonistin erzählten Plots mit dem kühl-distanzierten Gestus des Dokumentarfilms, der das unfassbar pervertiert-archaische und gleichzeitig hochkapitalistische Treiben emotionslos zeigt, aber nicht deutet. Schon in der Eingangssequenz positioniert sich die Regie: Wie ein Chirurg, der emotionslos aber hoch konzentriert zur Operation schreitet, zoomt die Digital-Kamera in einer einzigen, langen Einstellung in den Speisesaal des Behindertenhotels - so krass muss man es ausdrücken - und geht in Stellung. Nicht lauernd, abwartend. Irgendwo im Raum. Mehr Distanz geht nicht. Hausner kann sich da ganz auf den ungemein konzentriert arbeitenden Kamermann Martin Gschlacht verlassen, mit dem zusammen sie in Wien eine Produktionsfirma betreibt und der die ästhetisch angspruchsvollen Vorgaben der Regie kongenial umzusetzen weiß. Auch geschnitten ist der Film äußerst präzise, dem Zufall wurde dabei nichts überlassen. Wie hier mit Licht und Schatten gemmenartig scharf geschnittene Tableaus geschaffen wurden, das hat was von der Suggestionskraft der Werke alter Meister in der Malerei. Auf einen Score wird dabei verzichtet: Schuberts "Ave Maria" in der Endlosschleife muss genügen.
Dass bei derlei anspruchsvoll-strengen stilistischen Vorgaben der Film dennoch sehr sinnlich herüber kommt und auch dem Nicht-Arthouse-Freund durchaus ein diebisches Vergnügen bereitet, liegt am frechen, fies-charmanten Plot und einer ungemein vitalen Hauptdarstellerin: Die Französin Sylvie Testud ("Jenseits der Stille", "La Vie en rose") spielt die von Multipler Sklerose geschlagene, ehemals lebenslustige Christine, die sich - ungläubig und eher der Kultur als dem Kult zugeneigt - aus Langeweile und Neugier und nicht in der Hoffnung auf Heilung dem bizarren Pilgertrüppchen nach Lourdes angeschlossen hat, derart überzeugend, dass man allein schon wegen dieser fabelhaften Person manche Länge im Kinosessel gerne übersteht. Wie sie, zart, zerbrechlich und von der Krankheit gezeichnet, dennoch hoch erhobenen Hauptes, alles andere als demütig und durchaus mit Sehnsucht nach dem anderen Geschlecht in Gestalt des sehr virilen Malteser-Helfers (südländisch-charmant: Bruno Tedeschini) ihr rotes Pilgerhütchen trotzig durch Lourdes spazieren fährt, da hat sie schnell die Herzen der Zuschauer auf ihrer Seite. Ein Mensch inmitten von Marionetten, so scheint es. Am Ende gönnen wir ihr das Wunder, wenn wir auch weiter zweifeln, und gehen getröstet nach Hause. Und dazu sind Märchen ja da.
Filmkritik von mkrispien