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La Pivellina| Kritik 7/10

Kinostart
27.05.2010



Handlung

Außerhalb der Hochsaison steht Patrizias und Walters Wanderzirkus still und ihr Wohnmobil fix am Stadtrand von Rom. Auf einem kurzen Rundgang entdeckt Patrizia ein zweijähriges Mädchen allein gelassen am Kinderspielplatz und nimmt sich ihrer an. Gemeinsam mit ihrem Mann und dem 14-jährigen Nachbarjungen Tairo schafft sie der kleinen Asia ein zu Hause auf Zeit, einen winzigen, fragilen Raum der Geborgenheit. Bald hoffen alle insgeheim, dass Asia für immer bei ihnen bleiben kann.


Filmkritik | La Pivellina

Woran denken wir, wenn wir an Rom im Kino denken? An Sandalenfilme oder an Fellini, an romantische Komödien vor Postkarten-Kulisse oder an temperamentvolle italienische Familienfilme im Milieu der gehobenen Schichten. An Armut, Außenseiterdasein oder Tristesse der Vororte eher nicht. Selbst der legendäre Neorealismo ("Fahrraddiebe" von Vittorio de Sica etwa) ging nie so weit. Der Film "La Pivellina" von Tizza Covi und Rainer Frimmel tut es – und bleibt dabei ganz bei sich und seinen Figuren. Das österreichisch-italienische Filmemacher-Paar hat einen sehr besonderen, poetisch-sproeden kleinen Film gedreht. Keinen Spielfilm, keinen Dokumentarfilm, eigentlich eine Ode an das Kino als Parallelwelt. Wer sich darauf einlässt, verlässt das Kino mit Gewinn. Auch mit einer etwas anderen Sichtweise.

Eine kleine Warnung zuvor: Wer ein emotional aufgeladenes Sozialdrama im Gaukler-Milieu erwartet, wird von "La Pivellina" vielleicht enttäuscht sein. Zu schlicht kommt die Geschichte daher, zu wenig an Spannung gibt der Plot her, zu wenig attraktiv und eloquent sind die Menschen, die sich durch diesen Film bewegen. "Action" ist in diesem Film kein Thema. Und das ist als kleine geistige und seelische Erfrischungspause inmitten der Bilder- und Sabbelflut des Mainstream-Kinos, die längst auch im vermeintlichen Arthouse Cinema angekommen ist, ganz gut so. Eine eigentliche Handlung hat der Film nicht: Gezeigt wird nur, wie eine Gruppe von Zirkusleuten, Außenseiter der Gesellschaft und selber in nicht unerheblichen ökonomischen Nöten, einer verlassenen Zweijährigen ein Zuhause auf Zeit gibt: "La Pivellina", was im Slang der römischen Vorstädte "kleines Mädchen" heißt.

Die Akteure, allesamt römische Zirkusleute und Schausteller, sind zwar Laien, spielen sicher aber nicht selber, sondern nach einem vorgegebenen Drehbuch. Durch das laienhafte Agieren wirkt das Geschehen auf der Leinwand zwar sehr authentisch, spiegelt aber nicht 1 zu 1 die Wirklichkeit, oder was wir dafür halten, ab. Inwieweit die Laiendarsteller auch eigene Ideen einbringen und Szenen spontan improvisieren konnten, bleibt offen. Filmästhetisch ensteht so ein eigentümliches Zwischenreich zwischen Fiktion und Realität. Das Kino als vierte Dimension, als eigenständige Kunstgattung im besten, nicht abgehobenen Sinne. Dass die Filmemacher sich wirklich für die Menschen und ihr Milieu interessieren, nimmt man ihnen ab. Schon in ihrem Vorgänger-Projekt "Babooskha", noch einem reinen Dokumentarfilm, hatte sich das Paar mit dem Zirkus-Milieu befasst und dafür auf der Berlinale einen Preis erhalten.

Stilistisch steht "La Povellina" in der Tradition der belgischen Regie-Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne ("Das Kind", "Lornas Schweigen"), die das Elend der Unterschicht in ihrer wallonischen Heimat in extrem formstrenge, semi-dokumentarische Filme packen und die bei ihren Anhängern nahezu Guru-Status genießen. Auch Tovi/Frimmel verzichten auf Musik und Totalen, springen nahezu unvermittelt in ihren Film und schleichen ihren Figuren mit der 16 mm-Kamera hinterher. Dabei setzen sie die graue Tristesse der Vorstadt scheinbar emotionslos-naturalistisch ins Bild. Anders als die belgischen Brüder zwingt das Mann-Frau-Duo auf dem Regiestuhl seinen Figuren allerdings keinen ausgeklügelten Plot mit Spannungsbögen auf – die Geschichte erzählt sich selber, so scheint es.

Darstellerisch getragen wird der Film vor allem von der stark aufspielenden Patrizia Gerardi, einer, wie es so schön klischeehaft heißt, "starken Frau" mit pumucklroten Haaren und einem sprechenden Gesicht, in dem die Resigniertheit über nicht gelebte Träume, aber auch Charakter und Mitgefühl für die menschliche Kreatur sich Ausdruck suchen. Eine Art Madonna auf der Durchreise. Dass das Findelkind nun so süß, blauäugig und gelockt sein muss und derart oft ins Bild gerückt wird, nervt dann doch. Offenbar sollte das Kindchenschema auch beim Arthouse Cinema-Publikum greifen, was bestens gelang: "La Pivellina" (Asia Crippa) wurde der Liebling der Filmfestivalbesucher von Cannes bis Mumbai. Insofern wären Tovi/Frimmel auch für den Mainstream bestens gerüstet.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

La Pivellina

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Steckbrief
Regie
Tizza Covi, Rainer Frimmel

Darsteller
Asia Crippa, Patrizia Gerardi, Tairo Caroli, Walter Saabel

Genre
Drama
Gastkritiken
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Herstellungsland
Italien, Österreich

Alternativ- bzw. Originaltitel
Non è ancora domani




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