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Gordos - Die Gewichtigen| Kritik 9/10

Kinostart
01.07.2010



Handlung

Gordos ist Pizza, Eiscreme, Schokolade, Süßigkeiten, Kalorien – viele viele Kalorien. Es ist auch Schuld, Verlangen, Furcht, Hoffnung, Träume, Sex, Familie, Liebe. Es bedeutet glücklich zu sein, optimistisch, schrecklich, großartig, sauer, zärtlich, barsch, hell, tief. Es ist eine Komödie, ein Drama, eine Sammlung von Gegensätzen. Es ist das Leben!

Fünf Geschichten, die vom Übergewicht im Alltag handeln: Treffpunkt ist eine Gruppentherapie. Ein Ort, an den die Menschen nicht gehen um ihr Gewicht zu verlieren, sondern um herauszufinden, warum sie zugenommen haben. Sie wollen erkunden, warum sie ihre Körper nicht mögen. Ihr Gewicht ist nicht das Entscheidende, ihre Körper sind nicht das Entscheidende. Das Übergewicht ist eine Metapher, um über Dinge zu sprechen, die wir jeden Tag "runterschlucken", und die in uns "wachsen". Dinge, die wir nur schwer ausdrücken oder akzeptieren können und denen wir uns schon gar nicht stellen.


Filmkritik | Gordos - Die Gewichtigen

„Ich bin froh, dass ich kein Dicker bin, denn Dicksein ist ´ne Quälerei; ja, ich bin froh, dass ich so´n dürrer Hering bin, denn dünn bedeutet frei zu sein“, textete vor Jahren satirisch der deutsche und dünne Barde Mario Müller-Westernhagen. Damals sorgte das für Stürme der Entrüstung vor allem bei übergewichtigen Zeitgenossen in Deutschland. In Spanien, wie alle Zivilisationsnationen von Fettleibigkeit infolge von Fresssucht geplagt, geht man zumindest im Kino entspannter mit dem Thema um – und dankte es dem bizarren Komödien-Drama „Gordos – Die Gewichtigen“ mit entzücktem Jubel und zahlreichen Preisen; die gab´s übrigens auch auf anderen Filmfestivals. In Deutschland, so verrät uns der beschönigende Verleihtitel, ist die Scheu, das dicke Kind beim Namen zu nennen, nach wie vor groß – „Gordos“ sind nämlich alles andere als „gewichtig“, sondern schlicht fett.

Eine Therapiesitzung oder sonstwie geartete Selbsterfahrungsgruppe als Rahmen für einen komödiantischen Reigen mit möglichst vielen skurillen Charakteren zu nutzen, ist im Kino, das ein wenig schräg und anders sein will, nichts Neues. Die kleine dänische Perle „Italienisch für Anfänger“ ist eines der erfolgreichsten Beispiele. Ähnlich wie die Filmemacher in Dänemark lieben auch spanische Regisseure das Schräge,  das Abgedrehte und Abgründige im Bizarren sehr; und sogar noch ein bisschen mehr. Dazu gerne so bonbonbunt und drastisch, wie man es in einem erzkatholischen Land nicht erwarten würde. Dass solche Experimente am Rande der Geschmacklosigkeit dennoch nie peinlich oder holzhammerartig wirken, ist ein kleines Wunder – und Altmeister Pedro Almodóvar  („Volver - Zurückkehren“) ist nicht ganz unschuldig daran. Auch „Gordos“-Regisseur Daniel Sánchez Arévalo („dunkelblaufastschwarz“), der auch das Drehbuch schrieb, ist stilistisch fleißig beim wohl richtungsweisendsten spanischen Filmemacher unserer Zeit in die Lehre gegangen, und legt dennoch ein ganz eigenständiges Werk vor. Insgesamt ist sein Film gefälliger und auch Mainstream-tauglicher als das sperrige Werk Almodóvars.  Was noch anders ist: Bei Arévalo dürfen auch die Männer zusammenbrechen und leiden.

Scheu hat der Filmemacher dabei vor nichts. Weder vor Nacktheit noch vor Hässlichkeit, noch vor Klamauk und drastischem Sex in jeder Richtung, noch vor Tabubrüchen und dem Aussprechen unangenehmer Wahrheiten oder dem unverhohlenen Kratzen am Kreuz der katholischen Kirche, die sich in seiner Heimat gerne besonders bigott und doppelmoralisch gibt. Diätwahn und das absurde Treiben der Fernsehwelt, die der studierte Betriebswirt Arévalo als jahrelanger Skriptverfasser für TV-Serien sehr gut kennt, kriegen ebenfalls ihr Fett ab, immer mit einem Augenzwinkern, nie beleidigend. Einzig vor dem Tod, vor dem Dünne wie Dicke gleich sind, vor dem hat der Film Respekt; das legt zumindest das für nicht-spanischen Geschmack etwas zu metaphysisch abhebende Ende nahe, im spanischen Kino allerdings nichts Ungewöhnliches.

Gefilmt ist das alles sehr frisch, flott und leichthändig, mit Anleihen beim Videoclip und beim Werbefilm. Der Regisseur kann sich da ganz auf den sein Handwerkszeug souverän und mit leichter Hand beherrschenden Kameramann Juan Carlos Gómez verlassen, mit dem er regelmäßig zusammen arbeitet. Da wird die Therapiesitzung schon mal zur rasanten Karusselfahrt in die Untiefen verfetteter Bäuche und Seelen. In den fünf geschickt miteinander verlinkten Fallbeispielen trakikomischer Fettlleibigkeit sind eine Fülle mit Hingabe und ohne Scheu vor Nacktheit  auch bei Wabbelfleisch agierende Schauspieler zu bewundern. Sie alle sind durch die Bank toll bis sehr toll. Das Erstaunliche: Der Cast ist ein Mix aus Profis und Laien, was allerdings überhaupt nicht auffällt. Der erfahrene Bühnen-, Fernseh- und Filmschauspieler Antonio de la Torre („Volver“) als schwuler, vom Jo-Jo-Effekt und heterosexuellen Anwandlungen geplagter Diätshow-Moderator Enrique überzeugt ebenso wie die  Laiendarstellerin und hauptberufliche Fahrlehrerin Leticia Herrero als sexhungrige Parfümverkäuferin Sofia. Beide wurden für ihre Leistungen zu recht mehrfach ausgezeichnet. Tipp: Anschauen, genießen und dann nie wieder Diätshows im TV gucken...


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Gordos - Die Gewichtigen

© Arsenal Filmverleih

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Steckbrief
Regie
Daniel Sánchez Arévalo

Darsteller
Adam Jezierski, Antonio de la Torre, Fernando Albizu, Leticia Herrero, Marta Martín, Raúl Arévalo, Roberto Enríquez, Teté Delgado, Verónica Sánchez

Genre
Komödie
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Spanien

Alternativ- bzw. Originaltitel
Fat People




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