Goethe! - Filmkritik | kulthit.de 
Die Filmkritik Community!

Suche
Start » Filmarchiv » Filmkritik

Goethe!| Kritik 6/10

Kinostart
14.10.2010



Handlung

Mehr an der Dichtkunst, als seinem Jura-Studium interessiert, bringt der junge Johann Goethe (Alexander Fehling) seinen Vater gegen sich auf. Zur Strafe wird er in ein kleines Provinzstädtchen verbannt. Doch so schlecht ergeht es Johann dort nicht. Er verliebt sich unsterblich in die schöne Lotte (Miriam Stein). Gemeinsam planen sie ihr weiteres Leben, ohne davon zu wissen, dass Lotte bereits an Albert Kestner (Moritz Bleibtreu) versprochen wurde. Als der von Lottes und Johanns Techtelmechtel erfährt, ist er ganz und gar nicht "amused"...


Filmkritik | Goethe!

Mit „Goethe!“ kommt eine moderne Verfilmung über die jungen Jahre des berühmtesten Dichter Deutschlands in die Kinos. Der Verleih spricht vom ersten richtigen Film über Johann Wolfgang von Goethe. Eine gewagte Aussage, die je nach Auslegung äußerst streitbar ist.

Als Film bietet das Leben von Goethe eine nur bedingt geeignete Vorlage. Er war nicht nur Dichter sondern schrieb auch erfolgreich Romane, Theaterstücke, erfand nebenbei das Rollschuhlaufen, entdeckte den Zwischenkieferknochen, war Geheimrat, Grafiker, Minister und kam darüber hinaus noch aus wohlhabenden Haus. Wahrlich kein Stoff aus dem Dramen geschmiedet werden. Vielleicht wurde darum entschieden, sich auf Goethes Anfangsjahre zu konzentrieren und den Fokus auf seine vielleicht bekannteste Liaison zu richten.
Traurig ist, dass die interessantesten Seiten an dem Jüngling Goethe nur am Rande angeschnitten werden. Zum einen die zerrüttete Beziehung zu seinem Vater, der den dichterischen Flausen seines Sohnes endgültig überdrüssig ist und nicht mehr gewillt ist, ihn zu unterstützen. Besonders durch das Spiel von Henry Hübchen („Whisky mit Wodka“) möchte man als Zuschauer am liebsten nur den Konflikten zwischen Vater und Sohn lauschen, anstatt nach wenigen Minuten wieder in den Süßholzraspeltopf geworfen zu werden. Am traurigsten erscheint jedoch, dass die Entstehung von Goethes damaligen Bestseller und Bibel aller Suizidgefährdeten „Die Leiden des jungen Werthers“ ebenfalls nur knapp angerissen wird. Dies wäre der Part mit dem meisten dramatisches Potential gewesen. Den Machern schien dies ebenfalls bewusst gewesen zu sein, was den abrupten Stimmungswechsel von einer verträumten Romanze in ein überraschend schwermütiges Mienenspiel erklären würde.

Die Schauspieler können mit ihre Arbeit zufrieden sein. Sie verleihen „Goethe!“ eine sympathische Verträglich- und Glaubwürdigkeit. Moritz Bleibtreu in seiner ungewohnt passiven Nebenrolle bietet eine souveräne Darbietung, aber die heimlichen Stars sind natürlich Alexander Fehling („13 Semester“) und Miriam Stein, die zwar auf auf die Romcom-typisch neckische Art miteinander umgehen, aber auch zweifelsfrei den Funken zum Zünden bringen.

Bei aller Kritik, die der Film einstecken musste, muss man ihm trotzdem eines zu Gute halten. „Goethe!“ löst sämtliche Erwartungen (oder Befürchtungen...), die die Trailer schüren, lückenlos ein. Wer mit der Vorschau positive, amüsante oder gar romantische Eindrücke assoziiert, der darf sich ruhigen Gewissens ins Kino begeben. Die Schattenseite der Medaille: Wem bei all den berechnenden Biederkeiten die Magensäure überkocht, dem wird auch mit dem finalen Film keine Erlösung zuteil.  Ja, es handelt sich um eine romantische und dazu noch deutsche Komödie nach Schema F. Ja, der Film ist von vorne bis hinten auf Kuschelkurs und ja, jeder Cineast, der was auf sich hält, darf solche Filme aus Prinzip nicht gut heißen. Dennoch, für die anvisierte Zielgruppe funktioniert „Goethe!“ tadellos. Souveräne Unterhaltung mit viel empathischen Berührungspunkten für Freunde von Filmen wie „Shakespeare in love“. Die Frage ist nicht, ob der Film dem berühmtesten deutschen Dichter gerecht wird, sondern ob sich der Zuschauer damit abfinden kann, dass Goethe zu einem schmachtender Jüngling herabgestuft wurde, der erst am Filmende ansatzweise interessant wird?


Filmkritik von Orlindo Frick

Sag es weiter



Bilder / Fotos

Goethe!

© Warner Bros. Pictures

Kommentare


Heinz-J. Schönhals
19.08.2013, 16:29:20
Noch eine Ergänzung zu meinem Kommentar: Dass Lotte Buff den jungen Goethe „auf Distanz gehalten“ hat, kann man in einem Brief Kestners an August von Hennings nachlesen, in dem er die ganze „Angelegenheit Goethe-Lotte“ ausführlich darstellt. Etwas relativieren möchte ich meine Bemerkung, Lotte habe ihrer Mutter auf dem Sterbebett das Versprechen gegeben, Kestner zu heiraten. So steht es im Werther-Roman, Ende 1. Teil (Lotte erkannte in den Augen der sterbenden Mutter deren Wunsch, dass sie beide - Albert und Lotte - glücklich sein würden; diesen Wunsch musste die Tochter, bei ihrem innigen Verhältnis zur Mutter, respektieren). In der Realität hat sich das also nur mutmaßlich abgespielt. Im übrigen meine ich: auch wenn der Film handwerklich gut gemacht war und die Schauspieler eindrucksvoll spielten - man kann in einem historischen Film nicht einfach unseren Zeitgeist ins 18. Jahrhundert verpflanzen.
Heinz-J. Schönhals
23.07.2013, 11:35:03
Der Film ist ein Machwerk. Derart dreiste Fälschungen sind mir noch nicht untergekommen. Goethe steigt mit Lotte nackt auf einer grünen Wiese „in die Kiste“! So ein Humbug! Als Goethe nach Wetzlar kam, war Lotte bereits mit Kestner verlobt. Sie hatte ihrer Mutter auf dem Sterbebett versprochen, den ordentlichen Bürger Kestner auf jeden Fall zu heiraten. Goethe, der sich in Lotte leidenschaftlich verliebte, merkte bald, dass seine Liebe aussichtslos war. Die Lotte hat er ganz gewiss noch nicht einmal geküsst. Sie war ja schon vergeben. Deshalb verließ er fluchtartig Wetzlar, schrieb sich seine Leidenschaft im Werther-Roman von der Seele und katapultierte sich mit diesem Geniewerk in die Unsterblichkeit. So die Fakten. Der Film strotz nur so von Falschdarstellungen. Vielleicht haben der Autor und der Regisseur die Wetzlarer Episode mit Goethes Sesenheimer Liebe zu Friederike Brion verwechselt!? Der wilde Ritt Goethes nach Wahlheim erinnert an das Gedicht „Willkommen und Abschied“. Die Friederike hat Goethe sicher geküsst, mehr aber auch nicht! (s. Goethe, Dichtung und Wahrheit). Sex außerhalb der Ehe war in den bürgerlichen Kreisen damals undenkbar. Der freizügige Sex blieb allein dem (absolutistischen) Adel vorbehalten, der aufgrund seiner Finanzkraft die unehelichen Kinder versorgen konnte. So hatte August der Starke bereits als Jüngling eine Mätresse.
Brockhaus
09.01.2011, 11:42:27
Ich kann der ganzen neagtiven Kritik nicht folgen. Es ist immer die Frage, welchen Anspruch stellt der Film. Intellektuelle, die sich mit Werther tiefschürfend auseinander setzen, beglückt er sicher nicht. Ich fand den Film hinreissend, die schauspielerische Leistung grandios, nur die Plakate rund um den Film, ließen mich skeptisch sein, die hatten sowas schwülstiges, aber mein Gefühl täuschte mich nicht, ein echter Genuss der Film.
Vanir7777
17.11.2010, 20:47:46
Es ist ein guter Film der, in meiner subjektiven Wahrnehmung, auch schön inszeniert worden ist. Außerdem glaube ich dass Humor und Ernsthaftigkeit wunderbar zusammen passen und auch ohne weiteres die Seiten von Goethes Werken zeigt. Von humorvoll "Der Zauberlehring" bis todernst "Die Leiden des jungen Werther". Der Film ist gelungen. Punkt.
Ich
07.11.2010, 22:40:45
Um auf Fauxpass zu antworten: Der ganze Film ist bewusst modern gehalten, läuft hier in den Kinos unter Popromanze, was immer das heissen mag.
Es ist kein Sachfilm oder genaue Biografie, aber das ist wohl auch gar nicht die Absicht des Films. Und dafür ist er nicht schlecht.

Alle 8 Kommentare lesen

Einen Kommentar schreiben

Bitte beim Kommentieren auf Rechtschreibung und Grammatik achten!

Name
eMail (wird nicht veröffentlicht)
What is 7 * 4 =  
Bitte Sicherheitscode in das rechte Feld eintippen.



Trailer abspielen
Trailer zu Goethe! abspielen

Steckbrief
Gastkritiken
Anzeige

Filmfacts
Herstellungsland
Deutschland




Benutzername

Passwort

Anzeige