Giulias Verschwinden - Filmkritik | kulthit.de 
Die Filmkritik Community!

Suche
Start » Filmarchiv » Filmkritik

Giulias Verschwinden| Kritik 8/10

Kinostart
04.02.2010



Handlung

Der tolle 50ste Geburtstag. Die Feier im Restaurant ist geplant. Die engsten Freunde machen sich hübsch, streiten über Bauch und Falten, bekommen Wadenkrämpfe beim Sex – da verschwindet das Geburtstagskind. Es ist die schöne, aber nun mit 50 unsichtbare Giulia (Corinna Harfouch), sie streift ziellos durch die Läden, durch die Stadt und trifft einen  weltgewandten Charmeur (Bruno Ganz), mit dem sie kurzerhand zum Tête-àtête in eine Bar aufbricht. Leidenschaftlich verliert sie sich im Gespräch mit ihm und merkt, dass es für eine Liebe nie zu spät ist. Unterdessen warten ihre Gäste und steigern sich mit zunehmendem Alkoholgenuss in eine philosophische Debatte über den Sinn des Lebens. Und dann kommt Giulia...

Filmkritik | Giulias Verschwinden

Der Film ist in einer Hinsicht ein kleines Wunder: Er ist zwar ein in der Schweiz produzierter und gedrehter Film, aber auch ein länderübergreifender deutschsprachiger. Die Dialoge werden – nicht selbstverständlich in deutschschweizer Filmen – ausnahmslos auf Hochdeutsch geführt, Hauptdarstellerin Corinna Harfouch („Der Untergang“, „Das Parfüm - Die Geschichte eines Mörders“, „Im Winter ein Jahr“)  ist eine deutsche Schauspielerin, eine der profiliertesten und international bekanntesten zumal. Und ihr Filmpartner Bruno Ganz („Der Untergang“, „Der Baader Meinhof Komplex“, „Der Vorleser“)  ist schon lange ein Weltstar und Schweizer. Theoretisch könnte dieser Film genauso gut in Berlin oder in Wien spielen, das Thema Älterwerden ist kein Schweizer Thema. Die Befreiung von eidgenössischer Provinzialität ist es, die „Giulias Verschwinden“ zum Filmereignis macht. Die Kinogänger dankten es mit einem Sturm auf die Kinokassen und machten den Streifen zum erfolgreichsten Film in der Schweiz  2009. Beim Filmfest von Locarno gab´s den Publikumspreis.

Dass der Film ein rundes Vergnügen ist, ist in erster Linie den durchweg ambitioniert, mit viel Spielfreude und Teamgeist spielenden Schauspielern zu danken. Egal ob die zickenden Fünfziger, die pubertierenden Gören oder die anarchischen Greisinnen – alle geben ihr Bestes und werfen sich gekonnt die Bälle zu wie zu seligen Screwball-Comedy-Zeiten. Auch die Stars (hinreißend megärenhaft:  Sunnyi Melles) geben dem Affen nicht übermäßig Zucker. Ein Ensemblefilm wie aus dem Lehrbuch.

Langeweile kommt trotz des sehr dialoglastigen Skripts von Erfolgsautor Martin Suter („Der Teufel von Mailand“)  über weite Strecken nicht auf. Zu danken ist das der stilistischen Frische und verspielten Experimentierfreude, mit der Regisseur Christoph Schaub („Sternenberg“, „Jeune Homme“) Kamera-  und Schnitt-Team arbeiten lässt. Vielleicht liegt´s daran, dass der gebürtige Zürcher Autodidakt ist, vom Video her kommt und nie eine Filmhochschule von innen gesehen hat. Gewöhnungsbedürftig mag für Puristen die durchgehende Verwendung von digitalen HD-Kameras sein, was auf der großen Leinwand für Unschärfen sorgt. Der starke Einsatz von Großaufnahmen erinnert ans Fernsehen. Die an Video-Ästhetik geschulte Formensprache, der raffinierte Einsatz von Spiegelbildern und Fotografien, das Nutzen, Gestalten und Schaffen von Raum, um innere Befindlichkeiten auszuloten, ist allerdings eine echte Entdeckung und tröstet über so manche Plattitüde und Klischeehülse im Drehbuch des ehemaligen Werbetexters Suter hinweg.

Formal gesehen, reiht sich „Giulias Verschwinden“ in die Phalanx der derzeit wieder angesagten Episodenfilme ein, nur raffinierter: Die insgesamt vier Handlungsstränge werden geschickt ineinander verfugt und haben nichts gemein mit  beliebigen Filmschnipsel-Sammelsurien wie „New York, I love you“.  Dreh- und Angelpunkt des Geschehens bleibt das Restaurant, wo die Fünziger-Bande endlos über Freuden und Leiden des Alterns parliert, was dann doch vor allem im zweiten Teil auf Dauer ermüdend wirkt. Irgendwie muss es ja noch andere Themen geben, auch wenn man ü50 ist. Das Ende ist dann allerdings schon fast hollywoodreif.


Filmkritik von mkrispien

Sag es weiter



Bilder / Fotos

Giulias Verschwinden

© X Verleih AG

Kommentare

Derzeit sind keine Kommentare vorhanden!

Einen Kommentar schreiben

Bitte beim Kommentieren auf Rechtschreibung und Grammatik achten!

Name
eMail (wird nicht veröffentlicht)
What is 97 / 7 =  
Bitte Sicherheitscode in das rechte Feld eintippen.




Steckbrief
Regie
Christoph Schaub

Darsteller
André Jung, Bruno Ganz, Christine Schorn, Corinna Harfouch, Daniel Rohr, Max Herbrechter, Stefan Kurt, Sunnyi Melles, Teresa Harder

Genre
Drama
Gastkritiken
Anzeige

Filmfacts
Herstellungsland
Schweiz




Benutzername

Passwort

Anzeige