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Five Minutes of Heaven| Kritik 7/10

Kinostart
17.06.2010



Handlung

Lurgan, Nordirland, 1975. Der Bürgerkrieg zwischen der katholischen IRA, die für ein unabhängiges Irland kämpft, und der protestantischen Ulster Volunteer Force (UVF), die den Briten die Treue hält, bestimmt das tägliche Leben der Einwohner. Auch der 16-jährige Alistair Little (Mark David) will sich am Kampf beteiligen und tritt der UVF bei. Als er den Auftrag bekommt, den Katholiken James Griffin (Gerard Jordan) als Warnung an die Gegenseite zu töten, zögert er keine Sekunde. Und so muss der 11-jährige Joe (Kevin O'Neill) mit ansehen, wie sein großer Bruder James mit einem Kopfschuss hingerichtet wird.

30 Jahre später wird ein Treffen zwischen Alistair (Liam Neeson), der seine Strafe im Gefängnis abgesessen hat, und Joe (James Nesbitt) arrangiert. Die Begegnung soll vor laufender Kamera stattfinden und im Rahmen des Friedensprozesses ein Zeichen der Versöhnung setzen. Das Fernsehteam ahnt jedoch nicht, dass Joe nicht an Versöhnung denkt. Er sinnt auf Rache.


Filmkritik | Five Minutes of Heaven

Er ist wieder da. Und zwar mit Wucht. Nach einer Phase der Orientierungslosigkeit und der Flops meldet sich Regisseur Oliver Hirschbiegel ("Das Experiment", "Der Untergang", "Invasion") mit Nachdruck zurück. Das bereits 2008 gedrehte Nordirland-Konflikt-Drama "Five Minutes of Heaven", in den USA und in Großbritannien mit Preisen geehrt, kommt jetzt in die deutschen Kinos. Kein Betroffenheitsschmalz und kein falsches Pathos, sondern ein sperriges, formal experimentierendes, inhaltlich geradliniges, nachhaltig verstörendes Werk. Darüber, was Gewalt aus Menschen macht, und wie Versöhnung letztendlich immer eine Option ist. Nicht nur in Nordirland.

Der Film mischt auf sehr eigene Weise Stilmittel von künstlerisch ambitioniertem Arthouse-Cinema, actiongeladenem Mainstream-Erzählkino und gepflegtem britischen Dialog-Fernsehen (ursprünglich war das Werk für die britische BBC geplant). Nicht alles gelingt, manches knirscht in der Dramaturgie, anderes zieht sich zu sehr in die Länge, wieder anderes ist zu überambitioniert – unterm Strich jedoch überzeugt der Film. Die Schwäche des Films sind Drehbuch und die Einteilung – wie bei einem Theaterstück – in drei Akte, die irgendwie nicht recht zueinander finden wollen. Großes Erzählkino ist Teil 1, der die tragische Verstrickung der beiden Hauptfiguren als Jugendliche im bürgerkriegähnlich zerrissenen Irland der 1970er Jahre zeigt. Da wird Gewalt nicht erklärt und gedeutet, da wird sie einfach gezeigt. In bedrückend authentischen Bildern und mit tollen, sehr engagiert spielenden, zumeist irischen Darstellern, die der Regisseur gut führt. Hier zeigt Hirschbiegel, dass er es kann, das ganz große Kino mit Gänsehaut-Feeling, viel mehr als in der doch arg papierenen Hitler-Studie "Der Untergang".

Das bricht dann irgendwann ab, und der Zuschauer ist ein bisschen böse mit dem Regisseur, der ihn so unsanft aus dem wohligen Schwelgen im Nordirland-Drama reißt (was ja dann doch gut ist, und man fühlt sich ertappt). Teil 2, in dem Täter Alistair (Liam Neeson) und Opfer Joe (James Nesbitt) Jahrzehnte nach dem Geschehen als "Gäste" in einer Reality Show zusammen geführt werden sollen, kommt als aufgedrehte Farce daher und will vor allem den unseligen, zutiefst unmoralischen und inhumanen Umgang der Medien mit menschlichen Schicksalen an den Pranger stellen. Eine Herzensangelegenheit des politisch engagierten Drehbuchautors. Richtig überzeugend wirkt das nicht und die sehr britische Farce ist sicher nicht die Domäne des Deutschen Hirschbiegel. Da kommt er mit dem Skript nicht so recht klar, lässt zu hektisch hin und her schneiden und vor allem dem zum Overacting neigenden James Nesbitt ("Outcast", "Cherrybomb"), in Großbritannien ein Fernsehstar der A-Klasse, zu ungehindert seinem mimischen Affen Zucker geben. Die ewigen Selbstgespräche, fiktiven Dialoge und sehr anstrengenden Voice-Over, um die Seelenpein des unverhofft in die biografische Vergangenheit katapultierten Mannes filmisch umzusetzen, sind ein bisschen zuviel und zerren an den Nerven. Gut, dass Liam Neeson ("96 Hours", "Chloe") in gewohnt entspannter Manier den Ball flach hält. Beide Schauspieler sind übrigens gebürtige Nordiren.

Den dritten Teil will der Regisseur als eine Art "Western" verstanden wissen – mit sich Umkreisen von Held und Anti-Held, Showdown und großmütiger Versöhnungsgeste am Schluss. Da wird es dann ein bisschen unbeholfen actionartig und am Ende sogar kitschig. Alles wird gut – im Leben kam es nicht zu einer Aussöhnung der beiden Männer, nach deren Schicksal das Skript konzipiert wurde. Aber das darf Kino ja, Wünsche wahr werden lassen. Und dass Nordirland die Leistung des deutschen Regisseurs in einem ur-irischen Thema in den höchsten Tönen lobte, spricht für sich. In deutschen Kinos ist "Five Minutes to Heaven" im irisch-englischen Original mit Untertiteln zu sehen. Auf den Regisseur Oliver Hirschbiegel dürfen wir wieder gespannt sein.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Five Minutes of Heaven

© Koch Media GmbH & mücke müller GbR

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Steckbrief
Regie
Oliver Hirschbiegel

Darsteller
Anamaria Marinca, Gerard Jordan, Gerry Doherty, James Nesbitt, Juliet Crawford, Kevin O'Neill, Liam Neeson, Mark Davison, Niamh Cusack, Paul Garret

Genre
Drama, Thriller
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Herstellungsland
Großbritannien, Irland




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