Handlung
Oscar (Nathaniel Brown) verbindet eine besonders intensive Beziehung mit seiner Schwester Linda (Paz de la Huerta), seitdem sie als Kinder miterleben mussten, wie ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben kamen. Gemeinsam schlagen sie sich durch die Halbwelt von Tokio. Er hält sich mit kleinen Drogendeals über Wasser, sie tritt als Stripperin auf und lässt sich mit zweifelhaften Typen ein. Bei einer Razzia gerät Oscar ins Visier der Polizei. Bei der Flucht wird er niedergeschossen. Sein Körper liegt im Sterben, doch seine Seele weigert sich, aus der Welt der Lebenden zu scheiden. Gerade erst hatte Oscar seiner Schwester hoch und heilig versprochen, sie niemals zu verlassen. Und so wandert sein Geist durch die neongleißende Stadt - rastlos, ruhelos, immer auf der Suche. Oscars Visionen werden immer grotesker und bizarrer, seine Seele drängt ins Jenseits. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen zu einem alluzinatorischen Mahlstrom.
Filmkritik | Enter the Void
Gaspar Noé ist ein Provokateur. Ein Skandalfilmer. Ein Enfant terrible. Er wird gerne gefragt woher er seinen Mut hernimmt und ob er auch in Wirklichkeit keine Ängste kenne. Seine Antwort mag überraschen. Der Filmemacher sieht sich selbst als sehr furchtsamen Menschen, der zwar gerne experimentiert, aber letzten Endes doch lieber auf Nummer sicher geht. Mit Ausnahme von seinen Filmen. Dort kenne er keine Grenzen, keine Tabus, dort will er das ausleben was ihm die Realität verwehrt. Wer seine früheren Filme „Seul contre tous“ (Menschenfeind) oder der berühmt berüchtigte „Irréversible“ kennt, der weiß, dass Noés Filme kaum analytisch zu ergründen sind. Er will Filme spürbar machen und sich dabei nicht bloß auf positive Aspekte reduzieren lassen, sondern besonders die menschlichen Abgründe einfangen, ohne Kompromisse oder falscher Rücksichtnahme.
„Enter The Void“ darf als die bisherige Meisterleistung in Puncto filmischer Empathie bezeichnet werden. Über den Film zu schreiben ist, als ob man sich seinem Sog entziehen wolle. Denn ähnlich wie in Noés Vergewaltigungsthriller „Irréversible“ verliert auch „Enter The Void“ massiv an Kraft wenn man versucht ihn zu ergründen.
Ein Film, der von zehn Zuschauern auf zehn verschiedene Weisen wahrgenommen werden kann und auch wird. Für die einen ist es ein filmgewordener Drogentrip (wie es auch Noés Absicht war), für die anderen ein wahrhaftiger Albtraum. Eine bloße Aneinanderreihung von Tabubrüchen, ein tiefsinniger, interpretationsfreudiger Mikrokosmos von Kubrikschen Ausmaßen oder schlicht eine pervers-realistische Vision irgendwo zwischen einem Zauberland Oz und japanischen Neonpop Welten. „Enter The Void“ bietet unzählige Berührungspunkte, in denen man sich wiederfinden, verlieren oder provozieren lassen kann. Der Reiz besteht darin herauszufinden, wie man auf eine solche moralische Reizüberflutung reagiert. Der Regisseur gleitet mit seiner ruhelosen Kamera ohne erkennbaren Schnitt von einem Szenario zum nächsten. Fliegt, springt, pulsiert und penetriert durch Raum, Zeit und die verschiedensten Film- und Daseinsebenen. Noé stößt mit seiner virtuellen Kamera in (Körper-) Welten vor, die die Gemüter spalten werden, denn der Filmtitel „Enter The Void“ darf durchaus wörtlich genommen werden. Aber die wahren Tabubrüche bleiben hinter vorgehaltener Hand. Der ganze Film durchzieht eine Aura des Verbotenen. Nicht die offensichtlichen Sex- und Gewaltszenen schockieren, sondern die verhängnisvolle Liebe, die über dieser neonbunten, inzestiösen Odyssee schwebt.
Über den Sexgehalt kann sich der Zuschauer erdreisten oder ihn als stilistisches Mittel akzeptieren, letztendlich bleibt es ein oberflächliches Spiel mit der Toleranz des Publikums. Was sich stattdessen aber wirklich in Mark und Bein brennt, sind die Rückblenden der beiden Geschwister. Der eine Moment, der ihr Leben völlig auf den Kopf stellte und den der Film wieder und immer wieder auf bestialische Weise zelebriert. Der wahre Schock kommt in Form eines niederschmetternden Kinderschreis, der einem selbst im sicheren Kinosaal dazu nötigt, die Ohren von dem unfassbaren Schmerz zu schützen.
Durch die ständigen Wiederholungen, die immer wiederkehrenden Abläufe und ewig gleiche Symbolhaftigkeit bekommt der Zuschauer die Möglichkeit sich Gedanken über das Gesehene zu machen und entlarvt den Film als zäher Kaugummi, dessen intensiven Momente auf wenige Minuten reduzierbar wären. Der selbstverliebte Rest kitzelt allenfalls das Ego des Regisseur. Die Handlung des Films ist kaum die Rede wert. Wirkliche Überraschungen bleiben aus. Andererseits kommt man nicht umhin, sich die Schönheit, die Anmut und die fast meditativen Ruhe, die der Film trotz aller Extreme ausstrahlt, einzugestehen. Die Zeit wird zeigen ob es „Enter The Void“ zum cineastischen Meilenstein oder nur zum Skandalwerk bringen wird. Was bleibt ist die Nachhaltigkeit der Eindrücke.
Filmkritik von Orlindo Frick
Oscar: “You mean, we’re stuck in this world forever? There’s nothing better out there?”
Der kommende Aufstand: “Aus welcher Sicht man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ohne Ausweg.
http://www.classless.org/2010/10/15/tokio-love-hotel-am-ende-und-anfang-der-welt/