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Ein Tick anders| Kritik 9/10

Kinostart
07.07.2011



Handlung

Eigentlich ist Eva (Jasna Fritzi Bauer) glücklich - auch wenn ihre Familie etwas seltsam ist: Oma sprengt ihren alten Staubsauger mit China-Böllern in die Luft, Vater (Waldemar Kobus) sitzt in Schlips und Kragen im Park und schreibt Bewerbungen, Mutter (Victoria Trauttmansdorff) ist im Dauer-Kaufrausch und Evas kleinkrimineller Onkel Bernie (Stefan Kurt) landet mit seiner Band einen Flop nach dem anderen. Und dann ist da noch Evas Tourette-Syndrom, das auch in ihrem sonstigen Alltag immer wieder für Probleme und komische Situationen sorgt. Im Kreise ihrer Familie, die ihre Krankheit kennt und akzeptiert, fühlt sich Eva aber geborgen und sicher. Kein Zucken und kein Pöbeln, höchstens mal ein kleiner Fluch oder ein freundlicher Hitlergruß - solange sie zuhause ist, ist alles gut. Die Situation ändert sich jedoch schlagartig als Evas Vater ein Job in Berlin angeboten wird. Muss Eva nun ihre vertraute Umgebung verlassen? Ein Plan muss her und zwar schnell. Denn eins ist für Eva klar: nach Berlin geht sie auf gar keinen Fall!


Filmkritik | Ein Tick anders

Filme über Krankheiten, die den gesellschaftlich tolerierbaren Rahmen sprengen, werden häufig von dem Irrglauben begleitet, der Zuschauer könnte mit der Sichtung alles Wesentliche über die Krankheit lernen. So glaubte das Publikum als Tom Hanks als HIV-kranker Anwalt in “Philadelphia” ein Tabu brach, alles Notwendige über AIDS gelernt zu haben. Ganz nach der Devise „Ich weiß alles darüber, ich hab diesen einen Film gesehen!“ Ähnlich verhielt es sich mit “Rain Man” in dem Dustin Hoffman als stark autistischer, älterer Bruder von Tom Cruise agierte. „Vincent will Meer“ hatte womöglich einen ähnlichen Effekt auf die - zumindest deutsche - Wahrnehmung des Tourette-Syndroms, eine neurologische Krankheit, die mit ihren auch in Fachkreisen „Ticks“ genannten Symptomen sich offensichtlich geradezu für Komödien empfiehlt und erst auf den zweiten Blick das Leiden hinter den verbalen Entgleisungen erkennen lässt. Und genau dieser zweite Blick lässt das Tourette-Syndrom in „Ein Tick anders“ in einem längst überfälligen Licht erscheinen. Ein Licht, das Florian David Fitz mit seinem Vincent schmerzlich vermissen ließ.

„Ein Tick anders“ lässt sich auf zwei Arten sehen. Der Film funktioniert als leichte Komödie mit und über die Krankheit. Dabei begleitet man die junge Eva bei ihren alltäglichen Tourette-Strapazen, die durch die Kameralinse auf ihre verschrobenen und amüsanten Aspekte runtergebrochen werden. Ähnlich wie „Vincent will Meer“ funktioniert der Film auf diese Weise ohne Beanstandung. Der Zuschauer lacht über die gesellschaftlichen Tabubrüche, die die Krankheit mit sich bringt und findet sich in der Protagonistin wieder. Auf diese Weise entwickelte sich „Vincent will Meer“ zu einer recht belanglosen Angelegenheit, die die behandelten Krankheiten zu einem reinen Mittel zum Zweck verkommen ließen. „Ein Tick anders“ hätte sich damit ebenfalls begnügen können, schließlich gewann Florian David Fitz mit seinem Road-Movie so gut wie jeden namhaften deutschen Filmpreis - für reine Unterhaltung unter dem Deckmantel einer pädagogisch gehaltvollen Thematik. Doch Andi Rogenhagen - Regisseur und Autor von „Ein Tick anders“ - bewies mehr Einfühlungsvermögen und Mut. So entwickelt sich sein Film zusehends zu einem Kampf gegen die Krankheit. Rogenhagen unterzieht seine Protagonistin Eva einer Belastungsprobe, zwingt sie in die Illegalität und lässt sie unter dem Druck der Krankheit zusammenbrechen. Letztendlich, hinter dem trügerischen Happyend, offenbart sich die wahre Niederlage Evas gegen ihr Tourette und der Kniefall vor den ständigen, sozialen Ängsten. Doch auch wenn man schlussendlich nicht aus der eigenen Haut flüchten kann, kann man Zufriedenheit und Glück erlangen, was der Film mit der letzten Szene dem Zuschauer zu verstehen gibt. Eine bittersüße und versöhnliche Ironie.

Das macht aus dem wunderbar warmherzigen und durch seine freche Art entwaffnender Film zugleich eine ernüchternd-realistische Krankheitsdarstellung und wirkt auf diese Weise wie ein Seelenverwandter von "Adam" - einen Film über einen Halbautisten. Beide Filme besitzen im Kern die selbe unverblümte Sichtweise. Zudem eine sehr realistische, wohltuend ehrliche Prämisse. Es ist fast zu bedauern, dass „Ein Tick anders“ nicht den Namen seiner Protagonistin trägt. Denn als „Eva“ könnten die beiden Filme endgültig eine inoffizielle Partnerschaft eingehen, als neurologisch-psychologisches Adam und Eva-Gespann der verständnisvollen aber nicht verklärenden Art. Oder schlicht „Jasna“, denn die junge Hauptdarstellerin Jasna Fritzi Bauer trägt nicht nur den Film, sondern die Bürde des Tourette-Syndroms mit einer wundervollen beschwingten Schwermut, die so manchen gestandenen Schauspielkollegen neidisch werden lässt.


Filmkritik von Orlindo Frick

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Bilder / Fotos

Ein Tick anders

© farbfilm verleih

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Steckbrief
Regie
Andi Rogenhagen

Darsteller
Falk Rockstroh, Jasna Fritzi Bauer, Katja Liebing, Nora Tschirner, Renate Delfs, Stefan Kurt, Traute Hoess, Victoria Trauttmansdorff, Waldemar Kobus

Genre
Drama, Komödie

Tags
Familie, Tourette-Syndrom
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Deutschland




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