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Ein Mann von Welt| Kritik 10/10

Kinostart
09.12.2010



Handlung

Ulrik (Stellan Skarsgård) ist gerade den schwedischen Gardinen entronnen, da stellt sich ihm die Frage – neues Leben oder altes? Eigentlich möchte er schleunigst die ungnädige Vergangenheit so weit wie möglich hinter sich lassen. Seinen Sohn will er wiedersehen und sich an dessen Nachwuchs erfreuen. Er findet sogar einen Job in einer Autowerkstatt, bekommt eine Topfpflanze geschenkt und verliebt sich in die Tochter vom sehr redseligen Chef. Einem ganz normalen Leben steht also eigentlich nichts mehr im Wege. Wenn da nicht die offen gebliebenen Rechnungen wären. Aber Familie und Verbrechen passen eben nicht zusammen. Ehe sich Ulrik versieht entgleiten ihm die Dinge...


Filmkritik | Ein Mann von Welt

Warnung vor weg: Wenn Du als Mann gerade nach Jahren aus dem Knast entlassen worden bist, verkneif Dir diesen Film: So viele Frauen, die dich für die erzwungene Enthaltsamkeit hinter Gittern mit Sex und Fischfrikadellen entschädigen, wird es im realen Leben vermutlich nicht geben. Und wenn Du in Liebesdingen ein Warmduscher bist, der nicht Nein sagen kann, dann bleib besser ebenfalls zu Hause. Es könnte sonst sein, dass du mit der notgeilen Vermieterin, die so ein bisschen aussieht wie die Taubenfrau aus „Kevin allein in New York“, nur schlimmer, in die Kiste steigst. Einfach, weil du immer irgendwie „ein ganz schön gutmütiger Mensch“ bist. So wie Ulrik, der tragikomische Held des Films. „Ein Mann von Welt“, wie der mal wieder selten dämliche deutsche Verleihtitel suggeriert, ist dieser wortkarge Zopfträger mit Knasterfahrung so ganz und gar nicht. Aber vielleicht ist das ja eine Variante des viel gepriesenen deutschen Humors.

Wer sich allerdings den Spaß gönnen will, einen Kinoabend lang dem grauen deutschen Winter auf die ganz schräge Art zu entfliehen, dem sei diese rabenschwarze, gleichzeitig tief humane Komödie aus Norwegen wärmstens empfohlen. „Ein Mann von Welt“ ist gut fürs angeknackste Ego: So schlimm wie in dieser schmutzigrauen, elendig hässlichen grauen Vorstadt von Oslo mit ihren ebenso hässlichen und abgefuckten Bewohnern kann es im wahren Leben gar nicht sein. Nichts ist besser gegen den Winterblues als eine ordentliche Dosis Norwegen. Hat immer schon gewirkt. Freunde der unvergessenen „Elling“-Reihe wissen, wovon die Rede ist.

Wieso die Norweger, die ja bekanntlich als noch wortkarger gelten als ihre schwedischen Nachbarn, es seit Jahren fertig bringen, mit sparsamsten filmischen Mitteln derart grandiose Komödien mit Hintersinn, Witz, schwarzem Humor und bei aller Kargheit viel Gefühl  hinzukriegen, ist ein kleines Wunder des Kinos. Vielleicht liegt es an den langen harten Wintern, vielleicht auch daran, dass Oslo zumindest in den gesichtslosen Vorstädten wirklich so unendlich deprimierend wirkt wie in diesem Film.  Dagegen helfen nur schwarzer Humor, eine melancholische Sicht auf die Dinge und eine Prise Menschlichkeit. Dass solche Filme, die ja beileibe keine eingängige Kost sind wie Komödien von der Stange, beim Publikum bestens ankommen, ist ebenfalls erstaunlich. „Ein Mann von Welt“ erhielt auf der Berlinale den Publikumspreis.

So richtig gelingen solche Filme nur mit hervorragenden Schauspielern. Und von denen scheint das selige Norwegen einen schier unerschöpflichen Vorrat zu haben. Bis in die kleinste Nebenrolle ist der Cast mit engagiert spielenden Schauspielern besetzt. Und allesamt besitzen sie einen erstaunlichen Mut zur Hässlichkeit. Schöne Hochglanz-Menschen kommen in diesem Film nicht vor. Die Damen müssen sich zudem nicht aufbrezeln, um ihren Helden ins Bett zu bekommen und geben sich ganz lässig so, wie sie sind. Wissen sie doch und sprechen es unverblümt aus: Nach 12 Jahren Knast ist Mann nicht so wählerisch. Die hierzulande unbekannten skandinavischen Darstellerinnen bringen das umwerfend lakonisch und überzeugend rüber. Und Recht haben sie ja sowieso.

Zentralgestirn, um das der Reigen der allesamt hellwachen Schauspieler kreist, ist unbestritten der grandiose Stellan Skarsgård („Fluch der Karibik 2 - Die Truhe des Todes“, „Mamma Mia!“, „Goya’s Geister“). Der Schwede ist derzeit vielleicht der beste Schauspieler, den das skandinavische Kino zu bieten hat. Starsgard, der auch international erfolgreich ist, wurde u.a. als „Bootstrap Bill“, Piratenvater von William „Will“ Turner (Orlando Bloom) in den Fluch-der-Karibik-Filmen, einem breiteren Publikum bekannt. Die Rolle des ex-kriminellen Zauderers und Kümmerers Ulrik, der eigentlich nur endlich seine Ruhe haben will im Leben, legt der Schauspieler derart nuanciert, ohne Übertreibungen und mit feinem Sinn für sparsame Gesten und Zwischentöne an, dass allein seinetwegen die Ausgabe für die Kinokarte lohnt.

Regisseur Hans Petter Moland („The Beautiful Country“), der sein Handwerk in den USA gelernt hat und dem man nicht zu Unrecht stilistisch eine gewisse Ähnlichkeit mit den frühen Coen-Brüdern nachsagt, hat mit „Ein Mann von Welt“ sein Meisterstück abgeliefert.

Am Ende nehmen wir die Erkenntnis mit nach Hause: Wer sich im Leben statt für Schwarz  oder Weiß für Grau entscheidet, der kommt eventuell durch. Abstriche müssen immer gemacht werden, auch beim Sex. Gibt Schlimmeres, Knast etwa.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Ein Mann von Welt

© Neue Visionen Filmverleih & mücke müller GbR

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Steckbrief
Regie
Hans Petter Moland

Darsteller
Aksel Hennie, Bjørn Floberg, Bjorn Sundquist, Gard B. Eidsvold, Jon Øigarden, Jorunn Kjellsby, Stellan Skarsgård

Genre
Drama, Komödie, Krimi

Tags
Norwegen
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Norwegen

Alternativ- bzw. Originaltitel
En ganske snill mann




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