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Du sollst nicht lieben| Kritik 8/10

Kinostart
20.05.2010



Handlung

Aaron ist ein angesehener Fleischer in der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinde in Jerusalem. Der Ehemann und Vater von vier Kindern gerät in eine tiefe Krise, als er sich in Ezri verliebt – einen 22-jährigen Studenten, der ihm in seinem Geschäft aushilft. Zunächst begreift er seine Gefühle als religiöse Herausforderung, doch als beide Männer schließlich ihrer Leidenschaft nachgeben, wächst der Druck der Gemeinde auf Aaron. Da er keinen Weg sieht, seine Gefühle mit den religiösen Regeln in Einklang zu bringen, fasst er einen radikalen Entschluss.


Filmkritik | Du sollst nicht lieben

Als "Brokeback Mountain" auf Israelisch haben begeisterte Kritiker den Film enthusiastisch gefeiert. Doch während Routinier Ang Lee aus der Liebesgeschichte zweier schwuler Cowboys in Amerika ein kammerspielartiges, Mainstream-kompatibles Privatdrama ohne jegliche gesellschaftlichen Bezüge destillierte, rührt Spielfilmdebütant Haim Tabakman an ein religiöses Tabu: Für ultra-orthodoxe Juden in Jerusalem ist Homosexualität keine Sünde – sie existiert schlicht nicht. Gott hat sie nicht vorgesehen, also gibt es sie nicht, sagt die Bibel. Wer davon "geschlagen" wird, nimmt es als Prüfung Gottes und beherrscht sich – oder begeht Selbstmord. Den Glauben und die Bibel aufzugeben oder einfach fort zu gehen, kommt für die meisten verdeckt schwul lebenden Menschen in diesen Gemeinschaften in der Regel nicht in Frage. Sie leben den Widerspruch und leugnen ihn zu gleich. Ein unechtes Leben im reglementierten und vordergründig richtigen. Einziger Ausweg aus einem ausweglos scheinenden Dilemma: die Bibel umschreiben. Diesen Weg will Aaron gehen. Sozusagen die philosophische Lösung. Von all diesen Dingen erzählt dieser Film. Auf eine sehr behutsame und loyale Weise, ohne die Figuren der Lächerlichkeit preis zu geben oder den Zeigefinger zu erheben.

Dramaturgisch ist der Film klassisch-konventionell erzählt, von den schrägen Verrückheiten, für das wir das israelische Kino hierzulande sonst lieben, ist hier nichts zu merken. Das wäre dem Thema auch unangemessen gewesen. In klaren Bildern wird die Geschichte vom verheirateten Fleischer Aaron (grandios, sehr um Tiefenauslotung seiner Rolle bemüht und glaubhaft, trotz des erkennbar falschen Bartes: Zohar Shtrauss) und dem unkonventionellen Ex-Thoraschüler Ezri (schön und charismatisch: Seriendarsteller und Schlagersänger Ran Danker) erzählt, ohne die Figuren vorzuführen. Karge Bilder, starke Dialoge und ein sehr sparsam gesetzter, an Klezmer erinnernder Score nehmen dem Film jede Peinlichkeit und jede schwule Schwülstigkeit. Zu verdanken ist das neben Tabakmans disziplinierter Regie auch der Mätzchen vermeidenden Arbeit des vor allem für das Fernsehen tätigen deutschen Kameramannes (u.a. GEO-Reportagen) Axel Schneppat, dem hier erstmals eine bedeutendere Arbeit anvertraut wurde. Und natürlich dem klugen Drehbuch der bislang unbekannten Autorin Merav Doster.

"Du sollst nicht lieben" (im Original in etwa "Die Augen weit offen") zeigt uns auch, was viele bei uns nicht wissen: Israel ist eine demokratische, multikulturelle, pluralistische Gesellschaft mit zahlreichen Parallelgesellschaften.  Es gibt – muslimische und christlich-palästinensische Mitbürger im israelischen Staat nicht dazu gezählt - die Ultra-Orthodoxen wie die im Film gezeigte Community, die ohne Fernseher und Kino und nach äußerst strengen Regeln leben, es gibt gemäßigt orthodoxe, konservative, liberale und solche Juden, die mit Religion überhaupt nichts am Hut haben. Zu denen gehören Regisseur, Drehbuchautorin und die beiden Hauptdarsteller (im wahren Leben nach eigener Aussage übrigens nicht schwul), die alle aus der kreativen Szene in Tel Aviv, der wohl modernsten und liberalsten Stadt in Israel, stammen. Hier und in anderen liberalen Gemeinden in Israel kam diese israelisch-deutsch-französische Co-Produktion gut an und wurde als Befreiungsschlag gefeiert. In den ultra-orthodoxen Vierteln wird der Film – zumindest offiziell – nicht gezeigt und einfach ignoriert. In einem muslimischen Land hätte ein solcher Film erst gar nicht gedreht werden können.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Du sollst nicht lieben

© Salzgeber & Co. Medien GmbH

Kommentare


andy
11.05.2012, 09:36:17
der film ist sehr gut und wiederspiegelt die situation bei orthodoxen juden in israel sehr gut!
aber homophobie ist überall auch in deutschland!

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Steckbrief
Regie
Haim Tabakman

Darsteller
Avi Grainik, Eva Zrihen-Attal, Haim Zanati, Isaac Sharry, Mati Atlas, Ran Danker, Tinkerbell, Tzahi Grad, Zohar Shtrauss

Genre
Drama

Tags
Homosexualität
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Deutschland, Frankreich, Israel

Alternativ- bzw. Originaltitel
Einaym Pkuhot




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