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Die Fremde| Kritik 6/10

Kinostart
11.03.2010



Handlung

"Hör auf zu träumen!", sagt die Mutter (Derya Alabora) zu ihrer 25-jährigen Tochter Umay (Sibel Kekilli), als diese mit ihrem kleinen Sohn Cem vor der Berliner Wohnungstür ihrer Eltern steht. Umay ist aus einem unglücklichen Eheleben in Istanbul ausgebrochen und will zurück in Berlin ein selbstbestimmtes Leben führen. Sie weiß, dass sie ihren Eltern und Geschwistern damit viel zumutet, hofft aber, dass die liebevolle Verbundenheit stärker ist als alle gesellschaftlichen Zwänge. Doch schon bald erkennt sie, dass ihre Familie die traditionellen Konventionen nicht einfach über Bord werfen kann und an der Herausforderung zu zerbrechen droht. Als die Familie beschließt, Cem zu seinem Vater in die Türkei zurückzuschicken, um den Ruf der Familie wieder herzustellen, flieht Umay erneut und bricht alle Brücken hinter sich ab. Umay verliebt sich in Stipe (Florian Lukas) und baut für Cem und sich ein neues Leben auf. Als sie versucht, sich wieder mit ihrer Familie zu versöhnen, erkennt sie nicht, dass es bereits zu spät dafür ist.


Filmkritik | Die Fremde

Vorweg: Feo Aladag ist nicht, wie gelegentlich zu lesen, eine "türkische Regisseurin", sondern waschechte Wienerin und hieß mal Feodora Schenk. Den türkischen Namen hat sie von ihrem türkischstämmigen Ehemann Züli, mit dem zusammen sie eine Filmproduktionsfirma in Berlin betreibt. Dass der Gatte, der 2006 mit seinem plakativen Migranten-Drama "Wut" für einen Sturm im Fernseh-Wasserglas sorgte, am Drehbuch mitgebastelt hat, ist unübersehbar. Auch in diesem Film, den das Ehepaar gemeinsam produziert hat, sind der grobe, plakative Pinselstrich und die übergroße dramatische Geste mit Sendungsbewusstsein charakteristisch. Was dem ehrenwerten Anliegen des Films nicht unbedingt gut tut.

Der aufdringlich erhobene Zeigefinger und die demonstrativ zur Schau gestellte Botschaft machen den mit zwei Stunden überlangen Film letztendlich unerträglich. Bei Filmen, die vom Bund mit satten Geldern gefördert werden - in diesem Fall mit 250.000 Euro - ist per se Skepsis angebracht, was den Mehrwert für den Filmfreund betrifft. In der Regel werden eher Filme mit politisch korrekter Botschaft als solche mit künstlerischen Ambitionen gesponsert. Ins Kino ziehen sie meist nur wenige und tauchen alsbald im Fernsehen wieder auf. Ob es diesem Werk anders ergehen wird, bleibt abzuwarten. Dass Feo Aladag zuletzt mit Filmarbeiten für die Amnesty International-Kampagne "Gewalt gegen Frauen" betraut war - man merkt es dem Film leider an.

Die Jung-Regisseurin, die zuvor vor allem als Darstellerin und Drehbuchautorin für die Krimi-Reihe "Tatort" von sich reden machte, inszeniert auch einen großen Kinofilm wie einen kleinformatigen Küchentisch-Krimi. Nahezu versessen klebt die Kamera an den Gesichtern der Schauspieler, allen voran dem intensiven Mienenspiel von Hauptdarstellerin Sibel Kekilli. Nicht das Inszenieren eines Gesamtkunstwerks namens Film, sondern das Abfilmen von Menschen  an wechselnden Orten wird betrieben. Jeder Satz eine tiefsinnige Bemerkung, jeder Blick Ausdruck von Drama und Schmerz, dazu eine Priese Küchenphilosophie und politisch korrekte, wenn auch sehr oberflächlich dargebotene Gesellschaftskritik. Die klassischen Zutaten für einen deutschen "Tatort"-Krimi, der ja das Thema Ehrenmord im Migrantenmilieu auch schon behandelt hat. Als Fernsehfilm hätte es funktioniert, aufgeblasen zum großen Kino, offenbart "Die Fremde" unangenehm die dramaturgischen Schwächen von Drehbuch und Regie. Auch der nervige Original-Soundrack mit Lizenz zum Heulen reiht sich hier harmonisch ein.

Aber es gibt ja noch die Schauspieler. Und die spielen in der Mehrheit intensiv und ausgesprochen gut. Sibel Kekilli als tragische Heldin Umay zeigt, dass sie zu "Gegen die Wand"- Zeiten zu recht als neuer Stern am deutschen Filmhimmel gefeiert wurde. In der Intensität, mit der sie Schmerz, Wut und Trauer von der Leinwand herunter für den Zuschauer nahezu körperlich erfahrbar macht, erinnert sie an die ähnlich besessen spielende Romy Schneider. Vermutlich hat sie hier wirklich ihr Herzblut gegeben: Die  türkischstämmige Schauspielerin wird nach eigenen Angaben wegen ihrer unkonventionellen Biografie von der Familie geschnitten.  

Übertroffen wird Kekilli  in ihrer darstellerischen Brillanz  allenfalls von Derya Alabora, die im Film Umays Mutter Halime gibt. Die türkische Schauspielerin aus Istanbul,  in ihrer Heimat eine gefragte Bühnen-, Fernseh- und Filmdarstellerin, liefert eine beeindruckende Performance ab. Wie sie mit sparsamen Gesten und nuancenreichem  Körper- und Mienenspiel Trauer und Liebe, Angst und Verzweiflung zu deuten weiß und immer die richtigen Zwischentöne trifft, ist ganz großes Kino. Auch Settar Tanriöğen ("Der Bandit") als Vater spielt glaubhaft und berührend. Und der kleine Nizam Schiller als Umays Söhnchen Cem ist einfach ein Naturtalent. Nur der nichtssagend agierende Florian Lukas ("Nordwand") enttäuscht als blasser Lover Stipe.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Die Fremde

© Majestic Filmverleih

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Steckbrief
Regie
Feo Aladag

Darsteller
Almila Bagriacik, Alwara Höfels, Florian Lukas, Nizam Schiller, Settar Tanrıöğen, Sibel Kekilli, Ufuk Bayraktar

Genre
Deutscher Film, Drama
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Deutschland

Alternativ- bzw. Originaltitel
When We Leave




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