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Die Beschissenheit der Dinge| Kritik 5/10

Kinostart
20.05.2010



Handlung

Der 13-jährige Gunther Strobbe (Kenneth Vanbaeden) lebt gemeinsam mit seinem Vater, dem Säufer und Nichtsnutz Marcel alias Celle (Koen De Graeve) und dessen drei ebenso abgewrackten Onkeln Lowie "Petrol" (Wouter Hendrickx), Pieter "Beefcake" (Johan Heldenbergh) und Koen (Bert Haelvoet) bei seiner liebenswürdigen Großmutter (Gilda de Bal). Während sich die alte Dame abrackert, haben die vier erwachsenen Männer nichts als Unsinn im Kopf und sind mit wenig anderem beschäftigt, als die Ehre der Strobbes in der Dorfkneipe und bei Großereignissen wie einem Nacktfahrradrennen oder dem Weltrekordversuch im Dauerbiertrinken zu verteidigen. Und Gunther ist immer mit dabei. Auch zwanzig Jahre später, als Gunther (nun gespielt von Valentijn Dhaenens) ein erfolgloser Schriftsteller geworden ist, der versucht, seine Geschichte zu Papier und sein Leben auf die Reihe zu bringen, wird klar, wie sehr ihn die Vergangenheit noch immer beschäftigt. Und man spürt die Angst, dass er genauso werden könnte wie sein Vater. Gelingt es Gunther, seinen vorgezeichneten Weg zu verlassen?


Filmkritik | Die Beschissenheit der Dinge

Flämische Filme, eine landestypische Spielart des belgischen Kinos, sind im Rest Europas und der Welt so gut wie unbekannt. Außer in den sprachlich und historisch verbundenen Niederlanden. Seit ein paar Jahren entwickelt die als tiefste Provinz verschriene flämische Filmszszene mit jungen, ambitionierten Regisseuren ein neues frisches Profil. Sozialkritische, auch derbe Töne, werden dabei angeschlagen. Star dieser neuen Bewegung ist der junge Regisseur Felix van Groeningen („Steve + Sky“), der mit seinem Film „Die Beschissenheit der Dinge“ 2009 auf dem Festival in Cannes für Furore sorgte und die Herzen von Kritik und Publikum im Sturm eroberte. Eine Kombination, die auch für kleinere Filmprojekte fast immer ein Garant für Erfolg an der Kinokasse ist. An der Croisette gab´s einen Spezialpreis als Anerkennung, in der flämischen Heimat sahen rund 400.000 Menschen die wüst-traurige Geschichte um die saufende, hurende, furzende und pissende Proll-Familie aus Ostflandern. Auch in Holland und Frankreich lief der Streifen gut, erzählt Regisseur van Groeningen. Nur im französischsprachigen Teil Belgiens, der Wallonie, wollte man von dem Film nichts wissen: So tief sind die kulturellen Gräben in diesem von Kulturkampf und eifersüchtigem Konkurrenzdenken der beiden verfeindeten Landesteile zerrissenen Land.

In dem Film kommt davon nichts herüber, er interessiert sich weder für politische oder gesellschaftliche Konflikte, noch für die Gründe, warum ein Teil der Bevölkerung in einem vergessenen Winkel des kleinen Landes derart abrutschen konnte und in einem verkommenen Mikrokosmos aus Sex, Suff und Erbärmlichkeit  vor sich hin vegetiert. Zumindest in den 1980er Jahren – Stichwort: Vokuhila-Frisur - , in denen die Haupthandlung des Films spielt, garniert mit dem Ohrenschmalz eines Roy Orbison („Only the Lonely“ dient, nicht sonderlich originell, als musikalisches Leitmotiv des Streifens). „Die Beschissenheit der Dinge“ (der Originaltitel lautete korrekt übersetzt etwas dezenter in etwa „Die Bedauerbarkeit der Dinge“ ) einen solzialkritischen Film zu nennen, wäre etwas kühn. Er ist nichts weiter als eine klamaukige Sozialklamotte, die kein Fettnäpfchen auslässt, die gut aufgelegten Schauspieler – international allesamt unbekannt (überzeugend: Koen de Graeve als Vater „Celle“) – teils nackt, teils bekleidet, teils mit „Fiets“, mal ohne, stets aber besoffen, durch die flämischen Kulissen turnen lässt.  Gevögelt wird auch gerne. Und Oma ist sowieso die Beste. Das ist durchaus lustig, manchmal zum Würgen und immer einen Schenkelklopfer wert. Warum das alles passiert, man weiß es nicht. Und es lässt den Zuschauer auch irgendwie kalt.  Zumal der Regisseur nicht weiß, ob er sich für Arthouse Cinema (Stichwort: wackelige Handkamera und arg konstruierte Zeitsprünge) oder Mainstream Kino entscheiden soll: Die schreckliche, pseudo-klassische Computermusik, die neben diversen Orbison-Songs als Score dient, passt dazu ebenso wie das bittersüß-schmalzige  „Happy End“ mit Sozialarbeiter-Charme, das wie angeklatscht herüber kommt.

Der flämische Kultautor Dimitri Verhulst, auf dessen teilautobiografischem Roman gleichen Titels der Film beruht, ist da wesentlich weniger optimistisch: Ein wohlfeiles Happy End für den Mainstream ist bei ihm nicht zu haben. Überhaupt: Ob das wirklich alles so gewesen ist, wie geschildert, und en Detail die Lebensgeschichte dieses Schriftstellers oder die Kopfgeburt eines gewieften Medienprofis, bleibt offen, im Buch wie im Film. Verhulst ist ein wendiger, durchaus gesellschaftskritischer Pop-Literat und eine feste Größe in belgischen Fernsehshows. Er heimst Literaturpreise ein wie ein Musterschüler Fleißkärtchen und hat sich längst im Medienzirkus etabliert. Seine ostflandrische Heimatstadt Aalst, auch Handlungsort des Films, hat er verlassen – in Richtung Wallonien.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Die Beschissenheit der Dinge

© Camino Filmverleih

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Steckbrief
Regie
Felix Van Groeningen

Darsteller
Bert Haelvoet, Gilda De Bal, Johan Heldenbergh, Kenneth Vanbaeden, Koen De Graeve, Natali Broods, Valentijn Dhaenens, Wouter Hendrickx

Genre
Drama
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Belgien, Niederlande

Alternativ- bzw. Originaltitel
De helaasheid der dingen




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