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Der Räuber| Kritik 7/10

Kinostart
04.03.2010



Handlung

Johann Rettenberger (Andreas Lust) ist ein erfolgreicher Marathonläufer und Serienbankräuber. Nüchtern und präzise misst er Herzfrequenz, Belastung, Ausdauer und Effektivität – bei Trainingsläufen ebenso wie bei den Banküberfällen, von denen er, aberwitzig maskiert und mit einer Pumpgun bewaffnet vor der Polizei flüchtet. Er lebt unentdeckt mit seiner Freundin Erika (Franziska Weisz) in Wien, zieht immer wieder aus, leidenschaftlich und gierig nach dem Trip, der Bewegung und der Schönheit des Raubzugs, bis zu drei Mal an einem Tag. Als er entdeckt wird, tragen ihn seine Beine vor einem gewaltigen Polizeiaufmarsch davon. Einer wie er kann kein Ziel haben: Weiter, immer weiter führt ihn seine Flucht.

Ende der 80er Jahre endete die Flucht eines Mannes, dem die Medien den Namen Pumpgun-Ronnie gegeben hatten. Auf diesem spektakulären Fall der österreichischen Kriminalgeschichte beruht das Buch "Der Räuber" von Martin Prinz, das Benjamin Heisenberg, nach seinem preisgekrönten Erstling "Schläfer", nun verfilmt hat: Er portraitiert den Räuber als Hochleistungssportler seines Fachs, als Endorphin-Junkie, als Liebenden und Freiheitssucher, als eine Art Naturphänomen, getrieben von einer inneren Energie.


Filmkritik | Der Räuber

Die deutsch-österreichische Co-Produktion wurde bei der Berlinale 2010 vom Publikum bejubelt, als Bären-Favorit gehandelt und blieb doch ohne Preis. In Österreich startete er zuerst durch, jetzt tritt er seinen Marathonlauf durch die deutschen Programmkinos an - schwer genug wird es das sperrige Werk hierzulande mit Sicherheit haben. Was nicht nur am kaum verständlichen österreichischen Dialekt der Schauspieler liegt (Hauptdarsteller Andreas Lust nuschelt zudem sehr stark). "Der Räuber" ist einerseits hoch spannend, stößt andererseits ab durch seine extreme Künstlichkeit und die völlige Teilnahmslosigkeit, mit der Kamera und Regie den Läufer um des Laufens willen bei seinem sinnlosen Tun wie im Versuchslabor beobachten. Der Zuschauer sitzt ratlos davor und weiß nicht, ob er angewidert oder begeistert sein soll. Der deutsche Regisseur Benjamin Heisenberg ("Schläfer"), so ist in Interviews zu lesen, ging die Dreharbeiten wie ein Tierfilmer an, der einen Puma in freier Wildbahn beobachtet. Nur, dass das edle Wild nicht Antilopen jagt, sondern Banken ausraubt und Menschen umbringt.

Der Räuber betreibt Laufen wie Rauben gleichermaßen als Extremsport. Warum, bleibt ungeklärt, interessiert den Film auch nicht. Er läuft und läuft durch Wien wie Lola ("Lola rennt") einst durch Berlin, nur dass die Dame immerhin ein konkretes Ziel hatte. Johann Rettenberger hat keines, verprasst auch die Beute nicht, sondern stopft sie leichthin in irgendwelche Behältnisse und Bankschließfächer. Freundin Erika, die sinnigerweise auf dem Wiener Arbeitsamt ihre Brötchen verdient, profitiert auch nicht so richtig vom illegal erworbenen Reichtum, deckt jedoch den unheimlichen Lover und lässt ihn rennen und rauben bis zum bitteren Ende. Auch ihre Motive bleiben unklar. An der erotischen Ausstrahlung des Räubers kann es nicht liegen, die fehlt komplett, die Sexszenen der beiden wirken eher wie Ringkämpfe. Für die Rolle ist der ein wenig zu zurückgenommen schauspielernde und sich zu sehr aufs Laufen konzentrierende Hauptdarsteller Andreas Lust ("Free Rainer", "Revanche") eigentlich mit fast Mitte 40 viel zu alt: Der echte Marathon-Räuber, Johann Kastenberger, war während der Zeit seiner Verbrechen und gleichzeitigen Erfolge im Marathon-Sport noch nicht einmal 30. Im Film kommt vom angestrebten Puma-Image nicht arg viel rüber. Auch Franziska Weisz ("Die Klavierspielerin") als Erika hat wenig zu bieten außer piefigem Arbeitsamt-Chic und sehr biederem Sexappeal. Mit charismatischeren Darstellern hätte es zumindest ein spannenderer Film werden können.

Überhaupt das Laufen: Auf Dauer nervt es, dem Mann mit der Maske beim Traben durch Wien und die Wälder Niederösterreichs zu folgen, der Mann mit der Steadycam ihm immer dicht auf seinen Fersen. Zumal man irgendwann doch wissen will, warum macht er das bloß, der Wicht. Man weiß es nicht und ärgert sich. Dass Laufen süchtig machen kann wie eine Droge, ist bekannt. Das allerdings kurz zu schließen mit dem nahezu krankhaften Ausrauben von Banken, ist einmalig nicht nur in der österreichischen, sondern in der weltweiten Kriminalgeschichte. Da der Marathon-Läufer ja tatsächlich gelebt und eine Biografie hat, hätte man sich schon ein wenig mehr Psychologie statt Laborrattenbeobachtung gewünscht. Stilistisch steht der Film nach einem Roman des Österreichers Martin Prinz in der für seine hochgezüchtete Künstlichkeit bekannten Tradition der Münchner Schule. In seinen besten Momenten entwickelt "Der Räuber" durchaus eine eigenwillige, anarchistische Magie, die verstört. Vor allem, weil man im Geiste irgendwann mit rennt.


Filmkritik von mkrispien

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Der Räuber

© Zorro Film GmbH

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Steckbrief
Regie
Benjamin Heisenberg

Darsteller
Andreas Lust, Florian Wotruba, Franziska Weisz, Gerda Drabek, Johann Bednar, Markus Schleinzer, Max Edelbacher, Peter Vilnai, Walter Huber

Genre
Deutscher Film, Drama

Tags
Banküberfall, Flucht
Gastkritiken
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Herstellungsland
Deutschland, Österreich




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