Handlung

Wall Street 2008: Vermögensberater, Broker und Börsenmakler jonglieren noch ohne schlechtes Gewissen mit hohen Einsätzen und erzielen schwindelerregende Gewinnmargen. Doch die Finanzkrise hat bereits Einzug gehalten. Hauptleidtragender in einer großen Investmentfirma ist top-risk Analyst Eric Dale (Stanley Tucci). Dale arbeitete an einer Analyse der aktuellen Unternehmenssituation und übergibt die brisanten Daten bei seiner Entlassung seinem ehemaligen Schützling, dem smarten Jungtalent Peter Sullivan (Zachary Quinto). Sullivan stellt daraufhin weitere Berechnungen an und erkennt, dass der finanzielle Untergang seiner Firma bevorsteht. Von den Zahlen alarmiert, beschließt die Konzernführung um Will Wmerson (Paul Bettany), Sam Rogers (Kevin Spacey), Jared Cohen (Simon Baker), Sarah Robertson (Demi Moore) und John tuld (Jeremy Irons) zum bevorstehenden Wochenende eine hochspekulative Rettungsaktion. Es beginnt eine moralische und zunehmend dramatische Achterbahnfahrt, die alle Beteiligten innerhalb der nächsten Stunden an den rand der Katastrophe katapultieren wird.
Filmkritik | Der große Crash - Margin Call
Das Timing von „Der große Crash - Margin Call“ ist gar erschreckend. Ein Film, der die 36 Stunden vor dem großen Knall der Finanzkrise 2008 beleuchtet und der ganzen wirtschaftlichen Lawine ein menschliches Gesicht verleiht, kommt exakt an dem Tag in die deutschen Kinos, an dem im Bundestag über die Vergrößerung des Euro-Rettungsschirms abgestimmt wird - ein Kraftakt, der aus den Spätfolgen der globalen Finanzkrise resultierte, um die überschuldeten EU-Staaten vor dem Bankrott und vor den aggressiven Finanzmärkten zu schützen.
Bei einer solch heiklen und auch komplexen Thematik ist Skepsis angebracht. Besonders, da der Film wie ein einziges, überkandideltes Starvehikel erscheint. Immerhin teilen sich in „Margin Call“ Kevin Spacey, Paul Bettany und Zachary Quinto die Hauptrollen und werden zusätzlich von Schauspielern wie Demi Moore, Jeremy Irons und Stanley Tucci flankiert. Nicht selten ein Indiz, dass sich ein Film auf dem roten Teppich besser zu behaupten weiß, als auf der Leinwand. Zudem muss sich das Projekt den Vorwurf der Vetternwirtschaft gefallen lassen. Schließlich handelt es sich um das Kinodebüt von Regisseur J.C. Chandor, ein Busenfreund aus Kindheitstagen von Zachary Quinto und von einem der ausführenden Produzenten.
Doch es darf Entwarnung gegeben werden. „Der große Crash - Margin Call“ weiß zu überzeugen, was seinen Dialoglastigkeit und auch seinen menschlichen Fassetten zuzuschreiben ist. Der Film – ein Independentfilm, der trotz seiner Starbesetzung keine vier Millionen Dollar kostete – versucht der Finanzkrise, die in den USA ihren Anfang nahm und globale Auswirkungen nach sich zog, eine greifbare Form zu verleihen. Er macht es sich nicht zu leicht, in dem er den schwarzen Peter auf korrupte Unternehmen, Banken oder Trader abschiebt. Nicht die abnorme Gier einiger Weniger, sondern die tägliche, unscheinbare Schwäche Aller nährte das System, das schlussendlich durch Ignoranz und Automatismus zusätzlich geschürt wurde. Es entfaltet sich eine beklemmende Endzeitstimmung, die durch Zeitraffermontagen von Manhattans Skyline zusätzlich unterstrichen wird. Nur steht die Welt hier nicht kurz vor der Zerstörung, sondern vor dem Bankrott.
„Margin Call“ ist ein Film ohne wirklichen Bösewicht, aber immens vielen Opfern. Ein Film über die Frage, wem man Loyalität schuldet: dem eigenen Geld, dem eigenen Unternehmen oder dem eigenen Volk? Regisseur Chandor verwendete eine Vielzahl von Metaphern und Analogien, um die komplexen Vorgänge und abstrakten Zahlen begreifbar zu machen. In seiner Machart und seinen Charaktere ähnelt der Film der Handschrift von „The Social Network“-Autor Aaron Sorkin. Auch er reduziert komplexe Sachverhalte auf menschliche Aspekte und lässt seine Charaktere im Dauerfeuer und während endlosen Walk'n Talks ihre Dialoge rausschmettern. „Der große Crash - Margin Call“ war an der Berlinale 2011 ein spannender Wettbewerbsauftakt, aber die nun wieder aufgeflammte Brisanz verleiht dem Film eine neue Dynamik, die dazu prädestiniert ist, Kehlen noch trockener zu legen.
Filmkritik von Orlindo Frick