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Das Zimmer im Spiegel| Kritik 7/10

Kinostart
07.01.2010



Handlung

Die Jüdin Luisa (Kirstin Fischer) wird während des 2. Weltkriegs von ihrem deutschen Ehemann in einer leerstehenden Münchner Dachgeschosswohnung vor dem nationalsozialistischen Terror versteckt. Ausgegrenzt von der Gesellschaft, eingeschlossen auf engstem Raum, genährt von zunehmenden Zweifeln und Ängsten verliert sich Luisa nach dem Verschwinden ihres Mannes zunehmend in ihrer eigenen Realität, in der ihr allein die Schauspielerin und Widerstandskämpferin Judith (Eva Wittenzellner) als einziger menschlicher Kontakt zur Seite steht. Sie begleitet Luisa auf eine geheimnisvolle Reise aus der brutalen Wirklichkeit in eine poetische Welt der Sehnsüchte und Abenteuer.


Filmkritik | Das Zimmer im Spiegel

In dem ambitionierten Filmwerk unter der Regie von Rudi Gaul begegnen sich zwei große Themenstränge des Kinos und der Literatur: Klaustrophobie und Wahnvorstellungen infolge freiwilligen oder unfreiwilligen Eingesperrtseins in einem Raum, Fantasie und Kunst als Überlebensmittel in Zeiten höchster existentieller Not. Zeitgeistig abgemischt durch das derzeit im Kino sehr angesagte Element des magischen Realismus. Das Thema Nazi-Terror ist da eigentlich nur Nebensache. Das macht den Film problematisch und mutig zugleich.

Darf man das, das immer noch heikle Thema Nationalsozialismus und Judenverfolgung in einen ästhetisch auch am Werbefilm geschulten Film packen und das Ganze mit homoerotischen Frauenfantasien aufladen? Man darf es zumindest versuchen und vielleicht ist die Zeit reif für einen unbefangeneren filmästhetischen Blick der Jüngeren auf jene Zeit, die kein einziger deutscher oder internationaler Spielfilm  bislang unverkrampft und ohne Zeigefinger-Ästhetik  hat in Szene setzen können – mit Ausnahme von "Das Leben ist schön" von Roberto Benigni. Rudi Gaul, Jahrgang 1982 und im Filmgeschäft bislang ein Unbekannter, wählt einen sehr artifiziellen und seltsam abstrakten Weg und eigentlich ist es egal, ob sich Luisa (überzeugend: Kirstin Fischer) vor den Nazis versteckt oder aus anderen Gründen in diesem Zimmer eingesperrt ist. Erinnerungen an Kafka stellen sich ein, filmisch vor allem an Roman Polanski ("Ekel"). Nur, dass anders als diese Gaul seiner Heldin eine Chance durch das Beflügeln ihrer Fantasie gibt, mit Bücher lesen oder durch andere Rauschmittel.

Die Musik wabert, quälend langsam gleitet, ja schreitet die Kamera durch den Raum, der in geschmackvollen und modischen Braun- und Beigetönen gehalten ist. Das zieht sich so durch den gesamten Film, fein abgestimmt durch die Farbe Rot (Achtung: Sex!) und Schwarz-Weiß-Sequenzen. "Geschmackvoll" ist ein Wort, das beim Anschauen dieses Films immer wieder in den Sinn kommt. Ein bisschen langweilig, nahezu blasiert kommt er auch daher. Stören tut das irgendwie nicht groß und man versinkt wohlig-wattig in der Fantasiewelt der Hauptfigur hinter zugezogenen Gardinen. Dass auf der Straße Nazis Greuel begehen, wird dabei zunehmend weniger interessant als die surreale erotische Verstrickung von Luisa und einer geheimnisvollen Frau namens Judith (Eva Wittenzellner). So enttäuscht der Film im zweiten Teil mit nervenden Dialogen der Frauen und einer leicht klebrigen Schlüsselloch-Perspektive, die den Zuschauer zum Voyeur zwingt. Da hat's dann doch ein Geschmäckle.

Grundsätzlich ist es zu begrüßen, dass solche kleinen, ambitionierten Filme überhaupt den Weg in die Kinos finden. Rund 50.000 Euro Produktionskosten hat der in einem Münchner Abrisshaus gedrehte Streifen Filmemacher Rudi Gaul und seine Produktionsfima Schattengewächs gekostet, realisiert mit Hilfe von Sponsoren und ohne jegliche öffentliche Filmförderung. Respekt.
Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Das Zimmer im Spiegel

© MFA+ Filmdistribution

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Steckbrief
Regie
Rudi Gaul

Darsteller
Eva Wittenzellner, Kirstin Fischer, Klaus Münster, Konstantin Wecker, Maximilian Berger, Olaf Krätke, Peter Rappenglück, Suzanne Geyer

Genre
Deutscher Film, Drama
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Herstellungsland
Deutschland




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