Handlung
1913. Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands. Hier scherscht noch Zucht und Ordnung. Die Bewohner des Dorfes gehen jeden Sonntag in die Kirche, beten zu Gott und ehren ihren Pfarrer. Sie arbeiten fleißig auf den Feldern und holen zur Ernte das Korn ein. Doch es ereignen sich sehr seltsame Unfälle seit einiger Zeit, die nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen annehmen. Stecken die Kinder dahinter?!
Filmkritik | Das weiße Band - Eine deutsche Kindergeschichte

Der amerikanische Guru der Filmkritik Roger Ebert nennt "Das weiße Band" von Michael Haneke "stark", ein archaisches englisches Wort, das in diesem Zusammenhang sowohl "puristisch" als auch "schroff, rau" bedeuten kann. Insgesamt konnte die US-Filmkritik mit dem strengen und in seinen Mitteln extrem reduzierten Film wenig anfangen. Bei den Golden Globes 2010 gab es dennoch die Auszeichnung als bester ausländischer Film.
Der Film ist keine leicht konsumierbare Kost, sondern ein zutiefst suggestiver und verstörender erratischer Block in Schwarzweiß. Regisseur Haneke und sein Kameramann Christian Berger, die beide an der Wiener Filmakademie lehren, nehmen den Zuschauer wie gestrenge Zuchtmeister in die Zange und gewähren nicht eine Sekunde Entspannung vom sich grausam entwickelnden Filmgeschehen. Totalen sind rar in diesem Film, die Kamera klebt geradezu am Detailausschnitt, an drückenden Balken, niedrigen Decken und klaustrophobisch engen Kammern. Und an den rohen oder hochmütig-grausamen Gesichtern der Erwachsenen und den leeren Augen der Kinder, die überdeutlich an die mordlüsternen Alien-Kinder aus Walter Rillas Kult-Schocker "Das Dorf der Verdammten" von 1960 erinnern.
Sämtliche Figuren agieren wie ferngesteuerte Roboter, so etwas wie eine Emotion zeigt allenfalls der Dorflehrer (Christian Friedel), der mit seiner Nickelbrille und dem leicht schusseligen Aussehen wie ein liebenswerter Fremdkörper, ein Zugereister wirkt in dem stocksteifen Gewalt-Dorf in Mecklenburg-Vorpommern am Vorabend des 1. Weltkriegs. Die zart keimende Liebesgeschichte mit der jungen Eva (Leonie Benesch) bleibt die einzige menschliche Regung in diesem eiskalten Film, wohl nicht ohne Grund begleitet von Franz Schuberts, dem die Figur des Lehrers optisch nachgezeichnet ist, Schmalzstück "Leise flehen meine Lieder". Will der Regisseur, der in Wien als Sohn einer Österreicherin aufwuchs, dessen Vater jedoch ein Deutscher aus Düsseldorf war, damit signalisieren: Das Böse entsteht aus dem norddeutschen Protestantismus und dem deutschen Dorf, während Österreicher katholische Individualisten, harmlos und ein wenig naiv sind? Das erklärt allerdings kaum, wie der Film suggerieren will, das Phänomen des deutschen Nationalsozialismus und seiner schlimmen Folgen für Europa.
Historisch stellt der Film Kausalbeziehungen auf, die schlichtweg eindimensional bis falsch sind: In Dörfern des viktorianischen Englands etwa waren Doppelmoral, sexuelle Unterdrückung und Gewalt gegenüber Schwächeren mit Sicherheit nicht weniger verbreitet als auf dem platten deutschen Land. Warum hier dennoch die Demokratie nie auf den Prüfstand musste und kein englischer Hitler die Macht ergriff, diese Frage stellt sich dieser Film erst gar nicht. Dass ausgerechnet das wegen Neonazi-Umtrieben viel gescholtene Mecklenburg-Vorpommern wieder einmal mehr als Sündenbock herhalten muss, obwohl Haneke nach eigenem Bekunden gegen das Sündenbock-Denken anfilmen will, macht etwas ratlos. Filmästhetisch ist "Das weiße Band" sicher ein Meisterwerk, die Darsteller, allen voran Burghart Klaußner, Ulrich Tukur und Susanne Lothar, brilliant, die Kinderschauspieler beängstigend intensiv – als Geschichtsstunde und filmische Moralpredigt eine Katastrophe.
Filmkritik von mkrispien
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