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Das Vaterspiel| Kritik 9/10

Kinostart
26.11.2009



Handlung

Aus heiterem Himmel ein Anruf, am anderen Ende eine Stimme aus lang vergangenen Tagen: Mimi (Sabine Timoteo). Sie will, dass ihr Studienfreund Ratz (Helmut Köpping) nach New York kommt, gleich am nächsten Tag, weil sie seine Hilfe braucht. Für Mimi war Ratz immer bereit, vieles zu tun, und in Wien macht ihm sowieso einiges zu schaffen: Der übermächtige Vater (Christian Tramitz), die inzestuös angehauchte Liebe zu seiner Schwester (Franziska Weisz) und sein autistisches Dasein vor dem Computer. Das alles hinter sich zu lassen, wäre gar nicht so schlecht, und in Amerika kann Ratz vielleicht auch das Computerspiel gewinnbringend verkaufen, an dem er seit Jahren tüftelt. Doch auch in New York muss er sich bald unangenehmen Fragen stellen: Wie soll er sich zu der Nazivergangenheit des alten Mannes stellen, dessen Kellerversteck er ausbauen soll? Wie echt sind Mimis Gefühle, und wie schuldig macht man sich mit virtuellen Morden am eigenen Vater? Und dann gibt es noch einen Mann (Ulrich Tukur), der in einem sachlichen Büro ein lange zurückliegendes Verbrechen zu Protokoll gibt.


Filmkritik | Das Vaterspiel

Regisseur Michael Glawogger ist bekannt dafür, nicht vor relativ schwer umsetzbaren Romanvorlagen zurückzuschrecken, um ihnen auf dein Leinwand ein Gewand zu verleihen. Stürzte er sich in den letzten Jahren vor allem auf den Bereich Dokumentarfilm und nahm sich hier einiger ernster Themen an, kehrt er mit "Das Vaterspiel" nun auch fiktional auf die Leinwand zurück und schafft es dabei, einen schweren Stoff hervorragend filmisch umzusetzen.

Der Originalroman von Josef Haslinger ließ vor wenigen Jahren schon das Feuillton schwelgen, da die vertrackte Geschichte zwischen Familiendrama, geschichtsträchtigem Thriller und Liebesgeschichte erzählerisch relativ dicht und komplex war. Und scheitern gerade Filme von ausführlichen und facettenreichen Büchern daran, dass der Regisseur die Dimensionen und Seitenstränge ausdünnen und reduzieren muss, erhält Glawogger sie alle am Leben und schafft es trotz regelmäßigen Wechseln in Schauplätzen und Untergeschichten den Zuschauer nicht zu verwirren.

Große Hilfe leisten ihm hierbei angesehen und im ernsten Fach geschulte Schauspieler wie Ulrich Tukur oder Christian Tramitz (diesmal angenehm und glaubhaft seriös), die in der Lage sind, ihre ebenfalls komplexen Persönlichkeiten dem Publikum nahzubringen. Die Liebe zu seiner Heimatstadt Wien lässt Glawogger dabei in jeder Szene aufleben, die nicht gerade in New York oder auf Reisen spielt und führt dabei den Zuschauer bewusst an der Nase herum. Denn schließlich ist auch nicht jede Szene, die er mit der Kamera einfängt, auch als Realität anzunehmen. In Schönheit übersteigerte Szenen wechseln sich mit kargen und schlichten Locations ab und nehmen den Zuschauer auf diese Weise perfekt auf der Reise mit, die auch die Schauspieler durchleben müssen: Ein ewiges Schwanken zwischen der Geschichte mit all ihren Abgründen und der gegenwärtigen Realität, die durch Computertechnik und den sonderbaren, digitalen Umgang mit der Geschichte fast zu einem surrealen Spielball aller Akteure wird.

Wenn man in diesem Film den Hauptdarsteller Helmut Köpping verfolgt und dabei die verschiedenen Zeitebenen auffasst, die bei seinem Vater und dessen Verbrechen in der NS-Zeit beginnen und bei der wirren Idee eines Computerspiels als Rache gegen seinen eigenen Vater, kommt man als Zuschauer nicht umher, sich zwei Fragen zu stellen: Wie ist das eigene Verhältnis zur Gegenwart und zur Geschichte des eigenen Landes im vergangenen Jahrhundert? Und noch wichtiger: Welches Verhältnis hat man eigentlich zu einer Gegenwart, die auf manchen Ebenen vielleicht noch verrückter und unfassbarer wird als die grausame Vergangenheit. Als Regisseur kann man sich loben, wenn man derartige Gedanken durch einen Film auslösen kann - Glawogger und seiner herausragender Filmcrew gelingt dies hervorragend.


Filmkritik von Gastautor

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Bilder / Fotos

Das Vaterspiel

© Alamode Filmverleih

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Steckbrief
Regie
Michael Glawogger

Darsteller
Christian Tramitz, Franziska Weisz, Helmut Koepping, Jeremy Strong, Marisa Growaldt, Michou Friesz, Pierre Shrady, Sabine Timoteo, Ulrich Tukur

Genre
Drama

Tags
Liebe, New York, Wien
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Herstellungsland
Deutschland, Österreich




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