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Das Labyrinth der Wörter| Kritik 5/10

Kinostart
06.01.2011



Handlung

Es ist die Geschichte über eine dieser Begegnungen, die das ganze Leben verändern können: das Zusammentreffen in einem Park zwischen Germain (Gérard Depardieu), um die 50, praktisch Analphabet, und Margueritte (Gisèle Casadesus), einer kleinen alten Dame und leidenschaftlichen Leserin. Vierzig Jahre und hundert Kilo trennen sie. Eines Tages setzt sich Germain zufällig neben sie. Margueritte liest ihm Passagen aus Romanen vor und eröffnet ihm die Welt und die Magie der Bücher, von denen sich Germain immer ausgeschlossen fühlte. Für sein Umfeld, die Freunde im Bistro, die ihn bis jetzt für einen Einfaltspinsel hielten, wechselt die Dummheit mit einem Mal die Seite ... Aber Margueritte verliert immer mehr ihr Augenlicht und aus tief empfundener Freundschaft zu dieser charmanten, verschmitzten und aufmerksamen alten Dame, übt Germain lesen und zeigt ihr, dass er in der Lage sein wird, ihr vorzulesen, wenn sie selbst es nicht mehr kann.


Filmkritik | Das Labyrinth der Wörter

Der deutsche Verleihtitel muss, wie könnte es anders sein, wieder einmal hochtrabend daher kommen. „Der brach liegende Kopf“  heißt die französische Komödie witzig und sehr treffend im Original. Denn eine Brache ist es, die die pensionierte Akademikerin Margueritte im Hirn des tumben Toren Germain so lange mit Bildungsdünger beackert, bis der Weizen blüht und sie die Ernte einfahren kann. My Fair Lady verkehrt herum.

Warum die alte Dame das alles tut, bleibt unklar, der Zweck ihrer Mühen erschließt sich dem Zuschauer nicht so recht. Schlecht hat das Objekt ihrer zähen Bemühungen als ungebildeter Analphabet für seine Verhältnisse auch nicht gelebt: Er war nicht verwahrlost und nicht pleite, hatte Freunde im Dorf, seine merkwürdige Maman einigermaßen im Griff und in Gestalt der resoluten Busfahrerin sogar eine handfeste und zudem hübsche und verständnisvolle Liebste an seiner Seite. Mehr geht nicht für einen fetten mittelalten Mann ohne Bildung und Beruf und mit Mutter-Trauma. Ob es ihn nun irgendwie weiter bringt, wenn er der Dame seines Herzens vor dem Zubettgehen Camus vorlesen kann, bleibt fraglich. Das weiter zu spinnen ist genauso müßig wie die Beantwortung der Frage, ob die Pygmäen glücklicher wurden, nachdem ihnen die Missionare das Bibellesen beigebracht hatten. Aber solche gemeinen Fragen stellt sich der Film erst gar nicht, denn er ist ein Märchen.

Natürlich ist dieses Märchen Kokolores und hanebüchener Unsinn, genauso wie das von einer sendungsbewussten Grundschullehrerin verfasste Buch, auf dem der Film basiert. Männer mit derart schlechten Voraussetzungen im Leben werden in der Realität im günstigsten Fall unheilbare Trinker, im schlechtesten Serienmörder. Die vom ewigen Obelix  Gérard Depardieu („Mammuth“, „Small World“) in blauer XXXXL-Latzhose in gewohnter Manier verkörperte Figur ist doof, aber lieb und schnitzt Holzfiguren, bevor sie mit Verspätung zur Fibel greift. Geht´s noch?  Es geht, wenn man sich beim Anschauen dieses von den Schauspielern mit viel Schwung  und Hingabe gespielten Unfugs immer wieder sagt: Es ist ein Dépardieufilm, und Dépardieu darf das. Punkt. Das ist aber auch schon alles, was zur Entschuldigung taugt.

In Szene gesetzt wurde die Dépardieuriade sehr konventionell und behäbig vom 72jährigen Jean Becker, der ein Faible zu haben scheint für die Konstellation Intellektueller – grundgütiger Mensch aus dem Volk: Bereits 2007 entwickelte er in „Dialog mit meinem Gärtner“ ein entsprechendes Szenario. Doch was dort auch dank eines intelligenten Drehbuchs durchaus plausibel gelang, verkommt hier ein wenig zur überdrehten Klamotte und letztendlich zum Kasperltheater. Und sowohl Dépardieu als auch die dem 62jährigen Schlachtross an Selbsverliebtheit vor der Kamera in nichts nachstehende 96jährige Gisèle Casadesus („Die Eleganz der Madame Michel“), in Frankreich eine verdiente Bühnendarstellerin und erst sehr spät in ihren 90ern zum Filmstar geworden, können daran nur wenig ändern. Beiden gelingt es immerhin, ihrem komödiantischen Affen nicht zuviel Zucker zu geben und das Ganze entspannt durchzuziehen.

Beim Cast der Dépardieu wie Motten das Licht umschwirrenden Damen gibt es ein Wiedersehen mit einem wandelnden Klischee und eine überraschende Begegnung: Seine biestige, Kette rauchende Mutter wird gekonnt nervtötend verkörpert von Claire Maurier, seit den Tagen des Truffaut-Films „Sie küssten und sie schlugen ihn“ abonniert auf fiese Mama-ist-an-allem-schuld-Muttermonster ;  seine patente Freundin Francine gibt – unter blonder Wallemähne kaum erkennbar – die belgische Chasonsängerin Maurane. Die männlichen Nebendarsteller in diesem Film sind weiter nicht der Rede wert.

Monsieur Dépardieu beschert uns ja derzeit – leider meist mittelmäßige - Filme mit seiner massigen Erscheinung am laufenden Band.  Die meisten sind so schnell wieder vergessen, wie sie abgedreht wurden. Was bleibt im Gedächtnis von diesem Streifen? Eine gigantisch ausgefüllte blaue Latzhose und ein zauberhaft charmantes junges Mädchen von 96 Jahren. Immerhin.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Das Labyrinth der Wörter

© Concorde Filmverleih GmbH

Kommentare


juergen bewilogua
18.10.2011, 22:35:16
Heute haben mein Sohn und ich uns den Film angeschaut. Berührt, einfach berührt waren wir. Sehr gute Unterhaltung. Mehr wollten wir nicht. Wir haben mehr bekommen. Zufällig erlebte ich und erlebe ähnliches. Wer auch immer "mkrispien" als Kritiker ist: Man will sich als Kritker profilieren, in dem einfach verbal destruktiv und verletzend drauf haut. Das soll dann noch intelektuell sein. Ich habe genug von solchen Typen kennengelernt, die nicht mal in der Lage waren, sich vor großem Auditorium in Szene zu setzen.

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Steckbrief
Regie
Jean Becker

Darsteller
Claire Maurier, François-Xavier Demaison, Gérard Depardieu, Gisèle Casadesus, Jean-François Stévenin, Maurane, Mélanie Bernier, Patrick Bouchitey, Sophie Guillemin

Genre
Komödie
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Frankreich

Alternativ- bzw. Originaltitel
La Tète En Friche




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