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Das ganze Leben liegt vor Dir| Kritik 7/10

Kinostart
18.03.2010



Handlung

Marta (Isabella Ragonese) hat ihr Philosophiestudium cum laude abgeschlossen und macht sich enthusiastisch auf die Suche nach einem Job. Sie hat, wie ihre Mutter sagt, ihr ganzes Leben noch vor sich. Doch bald muss sie enttäuscht feststellen, dass die Welt nicht auf sie gewartet hat. Durch Zufall lernt sie das kleine Mädchen Lara kennen, die gemeinsam mit ihrer Mutter Sonia (Micaela Ramazzotti) einen Babysitter sucht. Marta sind die beiden sofort sympathisch, und so werden die drei ein Team. Während Sonia in einem Callcenter jobbt, erzählt Marta der kleinen Lara Platons Höhlengleichnis als Gute-Nacht-Geschichte. Als ein Job in der Tagesschicht des Callcenters frei wird, greift Marta beherzt zu.


Filmkritik | Das ganze Leben liegt vor Dir

Neulich sagte die in England lebende Tochter von Altbundeskanzler Helmut Schmidt, die im Zuge der Wirtschaftskrise erst ihren Job als Bankerin, dann als Wirtschaftsjournalistin verlor: In England werde das nicht wie in Deutschland als großes Lebensdrama angesehen, man arrangiere sich halt. Arrangiert sich, indem man wie Susanne Schmidt ein Buch schreibt, Filmkritiken verfasst oder in einem Callcenter arbeitet. Das tut die junge Hochschulabsolventin der Philosophie in Paolo Virzìs leichtfüßiger, witziger, ein wenig schriller, aber auch bitterbösen kleinen Komödie "Das ganze Leben liegt vor dir". Teutonisches akademisches "Prekariat", das sich depressiv von Praktikum zu Praktikum hangelt oder übelgelaunt in Berlin Taxi fährt, sollte sich diese Grundeinstellung ein wenig zu Herzen nehmen. "S´arrangarsi", sich arrangieren, diese charmant-gelassene Lebenseinstellung (die natürlich auch zur Lebensfalle werden und einen Berlusconi dank seiner sich "arrangierenden" Landsleute immer wieder hoch kommen lässt) verursacht keine Magengeschwüre und lässt Arbeitslose wie Arbeitstiere mit "bella figura" durchs Leben tänzeln. So ist´s im Film, aber auch der sagt: Ganz so einfach ist es auch im Land der sich Arrangierenden nicht, und ein Arschloch bleibt auch in Italien ein Arschloch. Nur: Er sagt´s charmant, mit viel Musik und Tanz, auch schrill, und einer Prise Märchenhaftigkeit.

Es ist natürlich herrlich, mitzuverfolgen, wie die hübsche junge Philosophin (eine zauberhafte Neuentdeckung: Isabella Ragonese) als Babysitterin ihren Schützling mit Platons Höhlengleichnis beglückt oder - ganz dem "s´arrangarsi" verpflichtet - die absurde Zeit im Callcenter nutzt, um einen Fachartikel mit dem Titel "Heidegger und die Gruppendynamik in einem Callcenter" zu verfassen und in einer Fachzeitschrift zu veröffentlichen. Dass die schlecht bezahlten Leuteverarscher im Callcenter, auf Kurs gebracht von einem grell geschminkten und schick gestylten weiblichen Guru, auch nicht wesentlich unmoralischer sind als die angeblich selbstlosen Gewerkschafter und ihr schlecht angezogener und ebenso rasierter "Führer" mit dem Megaphon - das sind einige der Spitzen, die sich diese Komödie gerne zu setzen erlaubt. Das Skript geht übrigens zurück auf das Tagebuch der Berlusconi-kritischen Bloggerin Michela Murgia: Die studierte Theologin aus Sardinien hielt sich wie die Filmheldin ebenfalls eine zeitlang in einem obskuren Callcenter in Mailand über Wasser. Heute ist sie eine aufstrebende Schriftstellerin, die auch in Deutschland verlegt wird.

Für die im Prinzip gelungene, teilweise für deutsche Sehgewohnheiten doch allzu schrill wirkende Drehbuchadaption (wozu neben den Tanzeinlagen auch die nervig-überdrehten deutschen Synchronstimmen beitragen, auf Italienisch klingt das doch etwas charmanter) sorgte neben Regisseur Virzì mit Francesco Bruni ein Gestandener seines Fachs: Neben zahlreichen Skripts für Komödien verfasste er auch einige Drehbücher für die italienischen "Commissario Montalban"-Fernsehverfilmungen. Seine bekannteste Zusammenarbeit mit Virzì war bislang der Film "Mein Name ist Tanino" mit Rachel McAdams.

Stilistisch ist "Das ganze Leben liegt vor dir" auch eine Verbeugung vor der berühmten Commedia all´Italiana der 1950er und 1960er Jahre (u.a. "Scheidung auf Italienisch" von Pietro Germi) und ihrer Mischung aus Gesellschaftskritik und Albernheit. 2008 kam noch eine Prise Bollywood dazu. Dass kann nerven, kann aber durchaus für einen vergnüglichen Kinoabend sorgen. Am besten in der italienischen Originalfassung.


Filmkritik von mkrispien

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Das ganze Leben liegt vor Dir

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Steckbrief
Regie
Paolo Virzì

Darsteller
Giulia Salerno, Isabella Ragonese, Massimo Ghini, Micaela Ramazzotti, Sabrina Ferilli, Valerio Mastandrea

Genre
Komödie

Tags
Italien
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Italien

Alternativ- bzw. Originaltitel
Tuttas la vita davanti




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