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Cyrus - Meine Freundin, ihr Sohn und ich| Kritik 7/10

Kinostart
25.11.2010



Handlung

John (John C. Reilly) ist ein geschiedener Pechvogel  mit nur wenigen Sozialkontakten. Auf Drängen seiner Ex-Frau und gleichzeitig besten Freundin Jamie (Catherine Keener)  begleitet er sie und  ihren Verlobten Tim (Matt Walsh) auf eine Party.  Zur Überraschung aller gelingt es John tatsächlich, jemanden kennen zu lernen: die attraktive und lebhafte Molly (Marisa Tomei). Die Chemie zwischen den beiden stimmt sofort und die Beziehung entwickelt sich gut, allerdings weigert sich Molly vehement, John mit zu sich nach Hause zu nehmen, was diesen bald misstrauisch macht. John geht dem ganzen auf die Spur und muss feststellen, dass es tatsächlich noch einen anderen Mann in Mollys Leben gibt: ihren Sohn Cyrus (Jonah Hill), einen 21-jährigen New Age-Musiker. Cyrus ist der beste Freund seiner Mutter und die beiden verbindet eine unkonventionelle, enge Beziehung. Cyrus würde alles tun, um Molly zu beschützen und er ist definitiv nicht bereit, sie mit jemandem zu teilen. Nach kürzester Zeit befinden sich John und Cyrus in einem Wettstreit um die Frau, die sie lieben - und es scheint, als ob nur Platz für einen der beiden ist.


Filmkritik | Cyrus - Meine Freundin, ihr Sohn und ich

Endlich. Endlich hat das amerikanische Kino wieder einen gewichtigen Komödianten von Format. Einen, der die Klaviatur des nicht immer komischen Komischseins mit all seinen Facetten virtuos beherrscht und Seele auch über seinen massigen Körper ausdrückt: Jonah Hill („Männertrip“, „Lügen macht erfinderisch“) ist der legitime Nachfolger des unvergessenen und allzu früh verstorbenen John Candy („Allein mit Onkel Buck“, „Unsere feindlichen Nachbarn“). Parallelen zogen mutmaßlich auch die deutschen Verleihtitel-Dichter, die dem schlichten „Cyrus“ des Originals das höchst überflüssige „Meine Freundin, ihr Sohn und ich“ hinzufügten: Es erinnert an den ebenso besch... Titel „Mama, ich und wir zwei“ (Im Original: „Only the Lonely“) von Chris Columbus mit Candy als ähnlich ödipal verstricktem Teddybären. Nur, dass der 27jährige Hill im Gegensatz zu Candy auch die abgründigen Seiten einer solchen tragikomischen Figur genüsslich auslebt. Cyrus, das übergewichtige Mama-Monster-Kind, darf auch den Norman Bates in sich heraus kitzeln.

Kritiker und Publikum in Amerika waren etwas ratlos, wie sie „Cyrus“ einsortieren sollten. Ein großer Erfolg wurde der Independent-goes-Hollywood-Streifen dortzulande nicht. Verwirrend auch, dass etwa zeitgleich ein Trash-Horrorfilm um einen Serienkiller gleichen Namens mit Brian Krause („Loch Ness – Die Bestie aus der Tiefe“) in der Titelrolle auf den Markt kam. Zufall oder nicht, dem als eigenwillig bekannten Brüderpaar auf dem Regiestuhl, Jay und Mark Duplass („Baghead“), ist alles Mögliche an Einfällen zuzutrauen. Verwirrt waren die Kinobesucher, weil sie „Cyrus“ nicht passgenau einsortieren konnten: Für einen Indie-Film sind letztendlich Plot und Dramaturgie zu bieder, die Schauspieler zwar keine Stars, aber durchaus bekannte Gesichter und im Mainstream etabliert und das Ende derart schwanzeinkneifend – versöhnlich, dass von Indie-Kino nicht mehr die Rede sein kann; zumal mit Ridley Scott („Blade Runner“, „Robin Hood“) als Produzent ein prominenter Vertreter Hollywoods mit im Boot saß. Wer hingegen eine rundgestrickte Komödie erwartete, stieß sich an Independent-Mätzchen wie ausufernden Dialogen in endlos langen und ungeschnittenen Szenen, einem wirren Plot, wackeliger Handkamera und einem über Gebühr strapazierten Zoom-Einsatz. So wurde dieser Film ein merkwürdiges Zwitterwesen, das streckenweise nervt, aber durchaus seine Reize hat.

Die Duplass-Brüder kommen aus dem Dunstkreis des Mumblecore: eine von Filmstudenten entwickelte und sich pseudo-ungelenk gebende Schule des amerikanischen Independent-Kinos mit winzigem Etat, meist namenlosen Darstellern, aberwitzigen und improvisierten Plots und einer vertrottelten Hauptfigur mit bizarrem Namen. Hauptbeschäftigung der Mumblecore-Figuren im Alter von meist Ü20: Selbstbespiegelung. In deutsche Kinos kamen nur wenige dieser Filme, am bekanntesten wurde „Greenberg“ (in dem Mark Duplass eine kleinere Rolle übernahm), der ebenfalls mit einem Bein im Mainstream steht. Mittlerweile ist Mumblecore wieder passé. Geblieben ist bei den Duplasses neben den technischen Sperenzchen der Hang zu improvisierenden Schauspielern, die bei einem nur grob skizzierten Skript und ebenso grob skizzierten Figuren weitgehend freie Hand bei der Ausgestaltung von Rolle und Filmhandlung haben. Die vier Hauptakteure in „Cyrus“ kriegen das auch vor allem im ersten Teil des Films wunderbar hin. Laien, wie sonst im Mumblecore eingesetzt, hätten diese hohe Perfektion der Improvisation kaum bewältigt. Alle Vier sind hervorragende Schauspieler und beherrschen diszipliniert ihr Handwerk. Neben dem überragenden Noah Hill als im Ödipus-Komplex gefangenes Muttersöhnchen, Oberhemdenfetischist und Computer-Komponist Cyrus überzeugen Charakterkopf John C. Reilly („Mitternachtszirkus - Willkommen in der Welt der Vampire“) als antriebsarmer Midlifecrisler John ebenso wie die beiden Qualitäts-Schauspielerinnen Marisa Tomei („Born to be wild - Saumäßig unterwegs“) und Catherine Keener („Please Give“) als Damen seines Herzens.

Was an „Cyrus“ stört, ist die mangelnde Sorgfalt, die die beiden Regisseure der Zeichnung und Entwicklung der Charaktere angedeihen lassen. Was diese treibt, auch zueinander hin, warum und mit welchem Ziel, es bleibt im Dunkeln und ist dem Film auch irgendwie egal. Ein Nachteil konsequenter Improvisation. Die Figuren sind eher Typen als Personen und schaffen es nur ansatzweise, Empathie beim Zuschauer zu wecken. Man lacht sich schlapp über die hochpsychotischen Kasperlespiele dieser wundersamen Punch-und-Judy-Show aus dem Geiste Sigmund Freuds, bleibt jedoch seltsam unberührt angesichts menschlicher Nöte. Auch, was es nun mit dem gemeinsam Duschen von Mutter und Sohn wirklich auf sich hat, bleibt unklar. Da kneifen sie allesamt, Schauspieler wie Regisseure. Aber das ist Amerika. Dennoch insgesamt eine erfrischende Abwechslung im Einerlei dieses an Überraschungen armen Kinoherbstes.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Cyrus - Meine Freundin, ihr Sohn und ich

© 20th Century Fox

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Steckbrief
Regie
Mark Duplass, Jay Duplass

Darsteller
Catherine Keener, Jerald Garner, John C. Reilly, Jonah Hill, Katie Aselton, Kellan Rhude, Marisa Tomei, Matt Walsh, Steve Zissis, Tim Guinee

Genre
Komödie
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Herstellungsland
USA




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