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Arrietty - Die wundersame Welt der Borger| Kritik 8/10

Kinostart
02.06.2011



Handlung

In den Vororten von Tokio, versteckt unter dem Boden eines alten Hauses, inmitten eines riesigen Gartens, lebt die winzig kleine Arrietty mit ihrer Familie. Die Dinge, die sie zum Leben benötigen, borgen sie sich von den Menschen und dabei gilt es, so Manches zu beachten. Arrietty kennt die Regeln: geborgt wird nur, was benötigt wird und auch nur so wenig, dass die Bewohner des Hauses es nicht merken – und vor der Katze muss man sich in Acht nehmen. Am wichtigsten jedoch ist es, nicht von den Menschen gesehen zu werden, denn die dürfen nichts von Arrietty und ihresgleichen wissen. Sollten sie entdeckt werden, müssten sie ihr Heim samt Hab und Gut für immer verlassen. Arrietty weiß all dies, und doch, als der Menschenjunge Sho ins Haus einzieht, spürt sie, dass alles anders werden wird. Und so beginnt eine verbotene Freundschaft zwischen dem aufgeweckten, neugierigen Mädchen und dem kranken, geschwächten Jungen und ein unvergessliches Abenteuer, das das Leben beider für immer verändern wird…


Filmkritik | Arrietty - Die wundersame Welt der Borger

Animefans haben zur Zeit gut lachen. Nach dem Hayao Miyazakis letzter Film „Ponyo“ bei uns mit über einem Jahr Verspätung startete und auch „Summer Wars“ erst mit beträchtlicher Verzögerung seinen Weg nach Deutschland fand, durften sich alle Freunde der japanischen Animationskunst über drei Filme innerhalb eines Jahres freuen. „Arrietty - Die wunderbare Welt der Borger“ ist nun der dritte im Bunde. Ein Film, der im Frühjahr mit dem Japan Academy Award als bester Animationsfilm ausgezeichnet wurde und in derselben Kategorie auch bei den Tokyo Anime Awards gewann. In Deutschland wurde “Arrietty“ am Nippon Connection Festival ausgezeichnet. Selbst der zurückhaltendste Animefans bekommt in Angesicht einer solchen Ruhmesliste glänzende Augen voller Erwartungstränen.

Und doch, trotz aller Vorschusslorbeeren, entpuppte sich die kleine „Arrietty“ als völlig anders als erwartet. Selbst Kenner der Vorlage von Mary Norton dürften von der ruhigen Inszenierung, der fast lethargischen Handlung und der dichten Atmosphäre überrascht werden. Der Film wird nicht von einer eigentlichen Handlung, sondern von den Stimmungen und Gefühlen der Charaktere vorangetrieben. Ein gewöhnungsbedürftiger Zustand, der aber einem im Laufe des Films zusehends in den Bann zieht. Die Hintergründe, die Animationen und der mittelalterlich anmutende Soundtrack von der französischen Folksängerin Cécile Corbel sind erwartungsgemäß ein Traum in satten Farben und Tönen und doch muss „Arrietty“ als einer der wohl traurigsten Ghiblifilme überhaupt bezeichnet werden - zumindest wenn man hinter das trügerische Happyend blickt. Der Film scheint zwar mit seiner Fahrt in den Sonnenuntergang den Zuschauer mit einem Lächeln entlassen zu wollen, doch lohnt sich eine genauere Betrachtung. Das Hauptthema von „Arrietty“ ist die Sterblichkeit. Der Tod in all seine Fassetten wird hinterfragt, was durch die Handlungsarmut zusätzlich in den Mittelpunkt gerückt wird. Es existiert zudem kein wirklicher Bösewicht. Zwar gibt es mit der Haushälterin eine Kraft, die dem Geheimnis der Borger auf die Spur kommen möchte, aber ohne heimtückische Hintergedanken. Stattdessen entsteht der eigentliche Konflikt aus dem Handeln von Arrietty selbst - und den Existenzängsten, die die Borger seit jeher verfolgen. Das Ende des Films mag mit einem Lächeln von Arrietty abschließen, aber dürfte ihr und dem Zuschauer die doppelte und dreifach Ironie nach der Abblende erst noch bewusst werden und damit die wahre Tragödie. Ohne den hochdramatischen Subplot würde sich „Arrietty“ gut ins Schema von kindlichen Filmen wie „Mein Nachbar Totoro“ oder „Ponyo“ einfügen, doch die existenziellen Untertöne und die in sich versunkene, spannungsarme Inszenierung könnten die ganz kleinen Zuschauer überfordern.

Man merkt dem unausbalancierten Film an, dass ein noch relativ junger, unerfahrener Regisseur am Werk war. Doch Hiromasa Yonebayashi Talent ist nicht zu leugnen. Ihm fehlt es nicht an Leidenschaft oder Können, sondern schlicht an Erfahrung. Ein Manko, das die Zeit von selbst lösen wird. Tatsächlich darf man von Hiromasa Yonebayashi unter Miyazakis Anleitung noch Großes erwarten. Sollte der Vater der Ghibli Studios seinen angekündigten Ruhestand jemals dauerhaft antreten, dürften die Ghibli-Anhänger der Zukunft des Studios - trotz weinendem Auge - mit Vorfreude entgegenblicken.


Filmkritik von Orlindo Frick

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Bilder / Fotos

Arrietty - Die wundersame Welt der Borger

© Universum Film

Kommentare


Wolf Schmidt
13.06.2011, 20:44:46
Was bei mir aufstößt ist der Titel. Er erinnert an "Die fabelhafte Welt der Amelie". Das ist naütlrihc wenig kreativ von den Synchronleuten.
Ambi Valent
13.06.2011, 12:45:09
Ich denke, viele Animationsstudios hätten den Film mit dem Einzug der Borger ins Puppenhaus und allgemeinem harmonischen Zusammenleben von Menschen und Borgern beendet. Dadurch hätte Arrietty ein viel leichteres Leben als ihre vor der Zeit gealterten Eltern (was man vor allem Homily ansieht, Pod ist zu stoisch, um sich etwas anmerken zu lassen).

Aber wie lange dauert das Happy End? Ein Mensch wäre genug, um es praktisch im Vorbeigehen zu zerstören. Sho wird wieder gehen, so wie seine Mutter Natsumi vor ihm. Und Großtante Sadako ist schon alt. Möglicherweise hätte Arrietty trotzdem im Haus ein schönes Leben gehabt. Aber möglicherweise hat sie auch eins bei den anderen Borgern, zu denen sie am Ende des Films unterwegs ist.

Eine wahre Tragödie bahnt sich an ganz anderer Stelle an: "Arrietty" könnte der letzte Ghibli-Film sein, der in Deutschland in die Kinos kommt. Angeblich ist "Ponyo" schuld, das nicht so gut wie erwartet lief, und deswegen hat man sich entschlossen, "Arrietty" praktisch ohne Werbung nur in einer Handvoll Kinos laufen zu lassen.

Das ist schlichtweg Blödsinn - noch der letzte B-Film der großen US-Studios bekommt einen großen Kinostart, und dann wird der nächste Film auch wieder gekauft, im Vertrauen darauf, dass das Studio seine früheren Erfolge wiederholen kann.

Und wenn nicht mal die von "Arrietty" gewonnenen Filmpreise ausreichen, den Film zumindest bewerben zu wollen, damit mehr Leute in die Kinos gehen, bleibt kaum Hoffnung für die folgenden Ghibli-Projekte. Jetzt im Juli läuft "Kokuriko-zaka kara" an, etwa "Vom Kokuriko-Hügel", in dem es ganz unfantastisch um das Erwachsenwerden der Oberschülerin Umi geht, die 1963 mit ihren Freunden versucht, den Abriss ihres Klubraums zu verhindern. Und danach hatte Altmeister Isao Takahata einen Film über Prinzessin Kaguya geplant. Leider werden wohl beide Filme als "zu japanisch, den schaut keiner" abgelehnt werden... und wenn andere Länder ebenso blöd sind, wird Studio Ghibli wohl schließen müssen.

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Steckbrief
Regie
Hiromasa Yonebayashi

Genre
Animation, Drama, Fantasy
Gastkritiken
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Filmfacts
Herstellungsland
Japan

Alternativ- bzw. Originaltitel
The Borrowers




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