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Another Year| Kritik 7/10

Kinostart
27.01.2011



Die vier Jahreszeiten im Rhythmus von Mike Leigh, Frühling, Sommer, Herbst, Winter im Leben eines älteren Ehepaares. Gartenarbeit, gemeinsames Essen, mit Freunden und Familie, Grillparties, die kleinen Dramen und Wunder des Alltags. Mit Charme und Herzenswärme und seinem besonderen Gespür für die Komik und Tragik des Alltäglichen schlägt Mike Leigh optimistische Funken aus dem Vorruhestand und zeigt seine beiden Helden als Paradebeispiele für eine ganze Generation unternehmungslustiger und tatkräftiger Menschen in fortgeschrittenen Jahren. Berührend und gleichzeitig humorvoll, feiert "Another Year" das kleine Glück einer intakten Familie in der tiefsten englischen Vorstadttristesse.


Filmkritik | Another Year

An einer Stelle des Films sitzen zwei alternde Männer im Garten, trinken und sinnieren, wie das beim gemeinsamen abendlichen Trinken im Garten so ist, über den Sinn des Lebens. „Essen, Trinken, Verheiratetsein“, sagt der eine, und der andere hat dem nichts entgegen zu setzen. Der eine der beiden ist verheiratet, trinkt und ist schlank; der andere ist nicht verheiratet, säuft und wird immer fetter. Das ist der feine Unterschied. Manch einer der 40- oder 50-Somethings mit ähnlichem Lebenshintergrund wird dann im dunklen Kino – es wird ein Programmkino sein und man wird unter sich sein – bestätigend oder auch resignierend nicken. Mike Leigh („Vera Drake“, „Happy-Go-Lucky“), der Meister der unaufgeregten Milieustudien, habe, so schreiben viele Kritiker, mit „Another Year“ einen zutiefst menschlichen, warmherzigen Film vorgelegt, der seine Figuren einfache Wahrheiten aussprechen lässt. Und schon sind wir dem wohl hinterlistigsten aller britischen Regisseure auf den Leim gegangen.

Nichts ist warmherzig an dem Film. Dazu ist Mike Leighs Blick viel zu analytisch. Wie Versuchskaninchen ordnet er seine marionettenhaft agierenden Figuren in diesem gnadenlos spießbürgerlichen Familienidyll an. Sie alle sprechen bühnenreife Mono- und Dialoge, als gälte es, für die nächste Aufführung eines Shakespeare-Stücks im Vorort-Theater zu proben. Da sitzen oder stehen sie in diesem furchtbar netten Garten zwischen Tomatenstauden und Apfelbaum, prosten sich im mit unnützem Zeug vollgestopften Wohnzimmer mit Rotwein aus dem Supermarkt zu und reden und reden und reden. Wir ahnen: Das werden sie auch vor zehn Jahren schon so gehalten haben und werden es vermutlich auch in zehn Jahren noch tun. Kleinbürgerliches Idyll vom Reihenhaus zum Reihengrab. Und irgendwann wird die nächste Generation in Gestalt des biederen Sohnes und seiner Verlobten das Staffelholz übernehmen und im Garten unterm Apfelbaum über das Leben sinnieren. Another Year. Zutiefst human? Menschlich vielleicht. Aber auch zum Gruseln.

Mike Leigh liebt es, beim Filmen zu improvisieren.  Auf Drehbücher verzichtet er weitgehend, mit jedem einzelnen Schauspieler entwickelt er vor Drehbeginn in mühsamer Kleinarbeit eine Art Rollenprofil. Der Dreh selber ist dann eher eine Jam-Session, wobei letzlich niemand weiß, wohin die Reise geht. Sowas ist für die Schauspieler immens anstrengend und für sogenannte „Stars“, die gelernt haben, auf Knopfdruck und nach Regieanweisung ihr Ding durchzuziehen, kaum machbar. Will der Regisseur nicht auf unbefangene Laiendarsteller zurück greifen, was Leigh nicht tut, kommen nur hochprofessionelle Schauspielhandwerker in Frage. Und auf solche kann der Regisseur aus einem Pool vertrauter und auf seine Arbeitsweise geeichter  treuer Weggefährten zurück greifen. So auch in „Another Year“. Gar nicht improvisiert, sondern ausgekügelt bis ins kleinste Detail wirkt die Ausstattung. Da wird bis in die scheußliche geblümte Kaffeetasse hinein akademisches englisches Mittelschicht-Spießertum wie in einem Panoptikum vorgeführt. Die Tristesse in diesem todlangweiligen Milieu, bei dem es sich erstaunlicherweise um Akademiker handelt, ist streckenweise so unerträglich, dass man das Kino verlassen möchte.

Es ist nicht so sehr die Handlungsarmut, die in diesem Film nervt, es ist diese ewig gleiche Leier, die sich auf der Leinwand von Monat zu Monat durch die Jahreszeiten quält. Irgendwann ist man der klimakterisch und torschlusspanisch hyperventilierenden Mary alias Lesley Manville („All or Nothing“ „Vera Drake“) richtig dankbar, dass sie ein wenig hochprozentigen Pfeffer in den öden Friede-Freude-Eierkuchen-Eintopf sprüht. Und hat den klammheimlichen Verdacht, Mike Leigh sei unbedingt auf ihrer Seite, und nicht auf der der nur auf den ersten Blick  sympathischen Berufsgutmenschin Gerri alias Ruth Sheen („All or Nothing“, „Vera Drake“). Am allermeisten jedoch nervt das liebenswerte Weichei Tom, von Beruf ausgerechnet Geologe und kongenial verkörptert von Charakterdarsteller Jim Broadbent („Young Victoria“, „Harry Potter und die Heiligtümer des Todes - Teil 1“), dem einzigen international bekannten Schauspieler im Cast. Wie er da so mit seinem gestreiften Grillschürzchen steht und mit Kennermiene das Grillgut wendet, möchte man ihm zurufen: Schmeiß die Schürze weg und sag, du gehst mal eben Zigaretten holen! Noch ist es nicht zu spät...


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Another Year

© Prokino Filmverleih GmbH

Kommentare


astrid
04.03.2011, 01:27:19
finde den kommentar nicht ganz treffend, der schreiber hätte sich wohl liebe einen action-film anschauen sollen. ich fand den film sehr treffend in vielen dingen - auch die kleinen dinge des lebens - und ich liebe dies art des britischen humors, alles wohl reine geschmacksache, wie gesagt, manche sollten wohl lieber action-filme gucken.

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Steckbrief
Regie
Mike Leigh

Darsteller
David Bradley, Imelda Staunton, Jim Broadbent, Karina Fernandez, Lesley Manville, Martin Savage, Michele Austin, Oliver Maltman, Peter Wight, Philip Davis, Ruth Sheen, Stuart McQuarrie

Genre
Drama, Komödie
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Herstellungsland
Großbritannien




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