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Ajami| Kritik 8/10

Kinostart
11.03.2010



Handlung

Tel Aviv, Jaffa, Ajami. Hier ist das Babel der Gegenwart, das Leben ein permanenter Ausnahmezustand. Seit langem Verfeindete leben hier als Nachbarn auf engstem Raum. Omar, der sich in die junge Hadir verliebt hat, wird in einen blutigen Streit mit einer mächtigen arabischen Familien verwickelt und von ihrer grausamen Rache verfolgt. Ihm bleibt nur die Flucht und dennoch kann er die Stadt und Hadir nicht verlassen. Seine letzte Chance ist, das von einem islamischen Richter festgesetzte – und dennoch unbezahlbare – Schuldgeld aufzutreiben.

Auch Omars Freund Malek braucht dringend Geld, denn seine Mutter ist schwer krank. Um die Behandlung bezahlen zu können, arbeitet er illegal in Israel. Das Leben Dandos, ein jüdischer Polizist, nimmt eine tragische Wendung, als sein Bruder spurlos verschwindet. Zutiefst überzeugt, dass er Arabern in die Hände gefallen sein muss, schwört Dando Rache. Während er das Schicksal seines Bruders aufzuklären versucht, bietet sich Malek und Omar ein vielversprechendes Geschäft mit zwielichtigen Drogenhändlern. Doch die Ereignisse geraten außer Kontrolle. Mit erbarmungsloser Konsequenz werden Omar, Malek und Dando in einen hochspannenden Krimi verwickelt, der alles verändern wird.


Filmkritik | Ajami

Auf den ersten Blick ist "Ajami" ein klassischer, um eine Stadt herum drapierter Episodenfilm mit Fokus auf den gesellschaftlichen Spannungen des Alltags in einem urbanen Hexenkessel. Das brasilianische Slum-Drama "City of God" von Fernando Meirelles kommt ebenso in den Sinn wie "L.A. Crash" von Paul Haggis. In seinen extrem verschachtelten Zeitsprüngen und Perspektiven-Wechseln erinnert "Ajami" jedoch am ehesten an die kraftvollen Vexierspiele des Mexikaners Alejandro Gonzáles Inárritu ("Amores Perros", "Babel"). Was diesen Film von den genannten eklatant unterscheidet: Er spielt in Israel, im alltäglichen Wahnsinn eines sich in einer Art innerem Dauerkriegszustand befindlichen Landes. Ein Zustand, den man sich als Außenstehender überhaupt nicht vorzustellen vermag. Das große Verdienst von "Ajami" ist es, diese absurde und auch irgendwie klaustrophobische Situation ein wenig transparenter zu machen. Das gelingt dem Film, indem er die Akteure in ihren komplizierten Verflechtungen aus ethnischer Zugehörigkeit, Familienclanbindungen, politischer Zerrissenheit und wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Zwängen zeigt. Übrigens allesamt Laiendarsteller, die in ihrer jeweiligen Muttersprache reden.

Schwierig wird es für den Zuschauer, den Überblick zu behalten und die einzelnen Handlungsstränge der fünf ineinander verwickelten Geschichten auseinander zu halten. Zu häufig wechselt die Perspektive, zu abrupt setzten Dramaturgie und Schnitt einem Sich Eingewöhnen in einen Handlungsstrang ein jähes Ende. Da die Kamera dabei immer als kühler Beobachter fungiert und die Regie keinerlei Parteinahme mit einer der handelnden Figuren erlaubt, schleicht sich bei denjenigen, die mit den Verhältnissen in Israel nicht vertraut sind, rasch Ermüdung ein. Ehrenwert ist der neutrale Ansatz von den Filmemachern Yaron Shani und Scandar Copti allemal: Die beiden Freunde, ein jüdischer und ein christlich-palästinensischer Israeli, wollten in ihrem Erstling nach eigenen Angaben einen Film über die Menschen in ihrer Heimat machen, ohne jegliche Verurteilung oder Bevorzugung auf Grund ethnischer Zugehörigkeit. Deutschsprachigen  Zuschauern ist für ein Grundverständnis die synchronisierte Fassung dringend zu empfehlen, in einigen Programmkinos ist allerdings nur die durch den Sprachsalat extrem schwer  nachzuvollziehende Original-Fassung mit Untertiteln zu sehen.

Überaus bewundern muss man die Leistung der Laiendarsteller, unter die sich auch die beiden Regisseure mischen. 10 Monate lang haben sie in einer Art Workshop ihre Rollen trainiert, ohne das Drehbuch zu kennen. In jeder Szene durfte improvisiert und spontan gespielt werden. Für  viele der allesamt aus dem mehrheitlich arabisch geprägten Stadtteil Ajami von Jaffa stammenden Darsteller wurde es eine Filmreise in die eigene Biografie. In die unglückliche Liebesgeschichte zwischen der Jüdin Shelly (Odelia Yakir) und dem palästinensischen Christen Binj (Scandar Copti), der sich als arabischer Israeli mit Loyalität zum Staat fühlt und dennoch an den unsichtbaren Schranken zwischen Arabern und Juden zu scheitern droht, verarbeitete Scandar Copti eigene schmerzhafte Erfahrungen. Und wir lernen: Es gibt noch andere komplizierte Konflikte und gesellschaftliche Tabus im multikulturellen Israel.

Am Ende gibt es nur Verlierer und wenig Hoffnung. Und einen extrem gewalttätigen Schluss, der den ermüdeten Zuschauer noch ein Mal aus dem Kinosessel reißt. Ein beeindruckendes Debüt, für das es zu recht eine Oscar-Nominierung gab. Demnächst bei ARTE und im ZDF, die mit  produzierten, zu sehen.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Ajami

© Neue Visionen Filmverleih & mücke müller GbR

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Steckbrief
Regie
Yaron Shani, Scandar Copti

Darsteller
Fouad Habash, Ibrahim Frege, Ranin Karim, Shahir Kabaha, Youssef Sahwani

Genre
Drama

Tags
Israel
Gastkritiken
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Herstellungsland
Deutschland, Israel




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