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Agora - Die Säulen des Himmels| Kritik 6/10

Kinostart
11.03.2010



Handlung

Alexandria, im Jahr 391 nach Christus. An der berühmten Bibliothek lehrt die ebenso schöne wie kluge Philosophentochter Hypatia (Rachel Weisz) Mathematik und Astronomie. Bei ihren Schülern ist die selbstbewusste Wissenschaftlerin sehr beliebt, ihre männlichen Kollegen aber beobachten sie mit Argwohn. Nicht nur weil sie eine Frau ist, sondern auch weil sie äußerst moderne Thesen vertritt. Mit wachsender Leidenschaft widmet sich Hypatia den elementaren Fragen des Sonnensystems – und das lange vor Kopernikus und Galileo! Mit ihren Erkenntnissen erntet sie jedoch nicht nur Respekt und Anerkennung, sondern zieht auch den Groll der erstarkenden Christen auf sich. Als es in der altägyptischen Weltstadt zwischen Heiden und Christentum zum Glaubenskrieg kommt, gerät Hypatia zwischen die Fronten. Und auch privat ist sie hin- und hergerissen zwischen dem Sklaven Davus (Max Minghella) und ihrem noblen Schüler Orestes (Oscar Isaac). Doch statt sich in die schützenden Arme der Liebe zu retten, stürzt sich Hypatia in ihren ganz persönlichen Glaubenskrieg und kämpft für das einzig gültige Prinzip ihrer Lehre: das Ideal der Wahrheit!


Filmkritik | Agora - Die Säulen des Himmels

Woran liegt es, dass uralte "Sandalenfilme" der A-Klasse wie "Quo Vadis?" bis heute gerne gesehen werden und alljährlich zur Weihnachts- und Osterzeit eine treue Fangemeinde vor dem Fernseher vereinen? Sie scheren sich einen Deut um historische Genauigkeit, schwelgen dafür verschwenderisch in antiken Kulissen, knalligen  Farben in Technicolor und einem spannenden Plot. Um einen wahren Kern herum wird dabei ein saftig-pralles "Seemannsgarn" gesponnen, an dem eine Riege bewährter Hollywoodstars kräftig mitwerkeln darf. Ganz wichtig neben viel Toga, Schwert und Köpfe Einschlagen: lustvoll inszenierte Wechselbäder der Gefühle, ein prominent besetztes, möglichst  tragisches Liebespaar und ein Über-Fiesling von Format.  An all diesen bewährten Zutaten mangelt es "Agora - die Säulen des Himmels", bis auf antike Kulissen und historische Ungenauigkeit, völlig. Anders ausgedrückt: Der Film zieht sich wie Kaugummi.

Das Bemühen, einer lange vergessenen Wissenschaftlerin der Antike Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, in allen Ehren: Zu viel Theorie hat jedoch noch keinem Unterhaltungsfilm gut getan, und Hollywood - mit dessen Geld der 75 Millionen Dollar teure spanische Film produziert wurde - ist nun mal nicht der History Channel. Das endlose Debattieren um Planeten und Sonnensysteme geht irgendwann nur noch auf den Geist - der Zuschauer droht im Kinosessel sanft und selig zu entschlummern. Der schönen Rachel Weisz ("Vielleicht, vielleicht auch nicht", "The Lovely Bones", "In meinem Himmel") bleibt es vorbehalten, den ermüdenden Streifen mit ihrem wahrhaft edlen und ausdrucksstarken Spiel zu retten. Wer außer der 40jährigen Britin wäre auch von der Biografie her besser geeignet, die Rolle der von fanatischen Christen getöteten Wissenschaftlerin anderen Glaubens zu spielen: Weisz´ Eltern, österreichisch-ungarische Juden, suchten vor mordlüsternen Nazi-Schergen Zuflucht in London, sie selber hat einen wissenschaftlichen Abschluss der Universität Cambridge.  Die Schauspielerin ist beeindruckender Beweis, dass sich auch im Kino Schönheit und Intelligenz nicht zwingend ausschließen müssen.

Das Dumme nur: Warum muss ihr das Drehbuch unbedingt zwei liebestrunkene Volltrottel an die Fersen heften - nichts ist darüber in den mehr als spärlichen Quellen zu Hypatia überliefert, auch über ihr Aussehen und ihre sexuellen Vorlieben ist nichts bekannt.  Einem Unterhaltungsfilm mag man das verzeihen, wenn die feurigen Liebhaber zumindest Format haben. Das aber haben weder der in seiner Rolle als liebeskranker Sklave allzu dümmlich aus der Wäsche guckende Max Minghella ( "Art School Confidential") noch der irgendwie geistig abwesend wirkende Oscar Isaac ("Der Mann, der niemals lebte") als Orest. Star-Potential haben beide nicht und Miss Weisz steht alleine auf verlorenem Posten.

Warum die Metzel-Mönche wie vermummte Taliban-Krieger mit schlechtem Gebiss daher kommen, erschließt sich auch nicht.  Das ist billigste Polemik.  In Wahrheit wurde Hypatia, nach allem, was man weiß, Opfer rivalisierender politischer Gruppen im spätrömischen Reich. Eine "Hexe"  machte aus ihr erst das frühe Mittelalter, eine Ikone der Feminismus unserer Zeit.  Historisch belegt ist davon das Wenigste.

Schmerzlich vermisst wird in "Agora" das satte Farbenspiel, das in einem anderen Spätausläufer des Genres Sandalenfilm,  "Gladiator", immerhin noch ansatzweise zum Einsatz kam. In "Agora" sind die sehr artifiziell wirkenden Kulissen in ein kühles Steingrau getaucht,  und die farblosen Gewänder der Hypatia erinnern an die langweilige Mode-Farbe der Oscar-Verleihung 2009: nude bzw. fleischfarben. In seinem Heimatland, dem erzkatholischen Spanien, wurde  der Film von Oscar-Preisträger Alejandro Amenábar ("Das Meer in mir") zum Kassenhit 2009 und mit Preisen überschüttet. Im ebenso erzkatholischen Italien hat er für öffentliche Empörung konservativer Christen gesorgt und bislang keinen Verleih gefunden. Insofern hat der spanische Tabu-Brecher mit chilenischen Wurzeln  wohl doch einen christlichen Nerv getroffen. Und das ist gut so.


Filmkritik von mkrispien

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Bilder / Fotos

Agora - Die Säulen des Himmels

© Tobis Film

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Steckbrief
Regie
Alejandro Amenábar

Darsteller
Homayoun Ershadi, Max Minghella, Michael Lonsdale, Omar Mostafa, Oscar Isaac, Rachel Weisz, Richard Durden, Rupert Evans, Sammy Samir

Genre
Abenteuer, Drama, Historie
Gastkritiken
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Herstellungsland
Spanien




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